Stressempfinden am Arbeitsplatz und Einfluss der Digitalisierung

Digitalisierung wird oftmals mit Stellenabbau im Finanzbereich in Verbindung gebracht. Diese oftmals vertretene Ansicht zeichnet sich jedoch im Finanzbereich nicht ab. Vielmehr kommt es zu einer Aufwertung des Finanzbereichs und der Notwendigkeit des Aufbaus zusätzlicher qualifizierter Mitarbeiter*innen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Finanzberichterstattung (Stichwort: Nachhaltigkeitsberichterstattung). Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, inwieweit bestehende Mitarbeiter*innen im Finanzbereich Stress empfinden und welchen Einfluss die Digitalisierung der Arbeitswelt auf das Stressempfinden haben kann.


1. Vorbemerkungen

Zeitnahe, aber auch qualitativ hoch­wertige Finanzdaten werden immer mehr zu einem Wettbewerbs­faktor in einem zunehmend volatileren Umfeld. Gleichzeitig steigen regulatorische Anforderungen (Stichwort: Nachhaltigkeitsberichterstattung) sowie die Anzahl an Transaktionen und Informationsbedürfnissen. Berichtsprozesse werden optimiert und automatisiert, vorhandene Daten werden um externe Datenquellen angereichert (Stichwort: Big Data) und für die datengestützten Entscheidungen der Adressat*innen analysiert und aufbereitet. Neben der Verantwortung, datengestützte Finanzberichte zu erstellen, tragen die Mitarbeiter*innen auch die Verantwortung für die Umsetzung von Digitalisierungsprojekten.

Die Nachfrage nach Mitarbeiter*innen im Finanzbereich ist trotz oder auch aufgrund von Digitalisierungsprojekten groß und wird auch in den nächsten Jahren noch so bleiben. Zusätzlich mangelt es an qualifizierten Mitarbeiter*innen.1 Buchhalter*innen gelten in den Bundesländern (insbesondere Kärnten, Oberösterreich, Salzburg und der Steiermark) als Mangelberufe.2 Die Anforderungen an Mitarbeiter*innen und die Arbeitsbelastung im breiten Umfeld des Finanzbereichs (Rechnungswesen, Controlling, Steuerberatung und sonstige Berufsfelder) steigen stetig an. Es stellen sich die Fragen, ob Mitarbeiter*innen im Finanzbereich aufgrund dieser zunehmenden Anforderungen Stress empfinden und wie sich Automatisierung und Homeoffice auf das Stressempfinden auswirken.

2. Methodik und Grundgesamtheit

Um die Fragen zu beantworten, wurde im Zeitraum 16. April bis 30. April 2021 eine standardisierte Online-Befragung von Mitarbeiter*innen im Finanzbereich durchgeführt.3 Nach einem Pretest erfolgte die Aussendung des Fragebogens an Teilnehmer*innen eines Bilanzbuchhalter-Kurses, Absolvent*innen sowie aktiv berufsbegleitend Studierende des Bachelor- und Masterstudiengangs „Controlling, Rechnungswesen und Finanzmanagement“ (CRF) der Fachhochschule Oberösterreich (Standort Steyr). Ebenso wurden die kontaktierten Personen um Weiterleitung des Fragebogens gebeten.

An der Befragung haben insgesamt 168 Personen teilgenommen, davon 114 (68 %) Frauen und 54 (32 %) Männer. 62 % der Befragten haben einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss, 32 % eine Matura (AHS, berufsbildende höhere Schule oder vergleichbares) und 6 % haben einen Lehrabschluss bzw eine mittlere kaufmännische Berufs­ausbildung als höchst abgeschlossene Ausbildung. Mehr als die Hälfte der Befragten (57 %) sind zwischen 26 und 40 Jahre alt. Rund 30 % sind zwischen 19 und 25 Jahre alt und 13 % sind älter als 40 Jahre. Mehr als zwei Drittel der Befragten (79 %) haben Betreuungs­pflichten wahrzunehmen. In Bezug auf das Berufsfeld sind 40 % im externen Rechnungswesen (Buchhaltung/Bilanzierung/Konsolidierung), 42 % im Controlling und 9 % in der Steuerberatung tätig. Die restlichen 9 % führen sonstige Tätigkeiten4 im breiten Spektrum des Finanzbereichs aus (vgl dazu Abbildung 1).

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Abb 1: Anteil der Befragten nach Berufsfeldern und Tätigkeitsbereichen in %

3. Ergebnisse der Studie

3.1. Stressbefinden und mögliche Stressoren am Arbeitsplatz

Zunächst wurden die Teilnehmer*innen befragt, wie sie ihr Stressbefinden auf einer vierstufigen Skala beurteilen (sehr gering, eher gering, eher hoch, sehr hoch). Es zeigt sich, dass rund zwei Drittel der Mitarbeiter*innen im Finanzbereich (65 %) ein sehr hohes oder eher hohes Stresslevel empfinden (vgl Abbildung 2). Ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen dem Stressempfinden und der Berufserfahrung in Jahren, dem Geschlecht der Befragten, der Doppelbelastung durch Ausbildung oder den Betreuungs­pflichten gegenüber Kindern oder Angehörigen lassen sich nicht nachweisen. Basierend auf einem χ2-Test lässt sich ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen den erwarteten und beobachten Werten im Untersuchungs­zeitraum lediglich bezüglich des Tätigkeitsbereiches nachweisen (p-value < 0,05; χ2=37,729, Cramer-V=0,274).

Demnach zeigt sich, dass das Stressempfinden bei Mitarbeiter*innen in der Buchhaltung im Befragungszeitpunkt geringer ist als in anderen Tätigkeitsbereichen. Da Tätigkeiten und Auslastungsspitzen im Bereich Buchhaltung jedoch durch die abgaben­rechtlichen Termine des jeweiligen Monats bestimmt sind, ist naturgemäß im Befragungs­zeitraum (16. 4. bis 30. 4. 2021) die Belastung geringer und somit auch das empfundene Stresslevel. Ein statistisch signifikanter Zusammenhang ist auch zwischen dem Stresslevel und dem Arbeitsausmaß nachweisbar (p-value < 0,05; χ2=42,043; Cramer-V=0,289). Dieser Zusammenhang ist aber auf Teilzeitkräfte, die maximal bis zu zehn Stunden pro Woche arbeiten, zurückzuführen. Für diese Gruppe von Mitarbeiter*innen lässt sich ein signifikanter Zusammenhang und ein eher geringer Stresslevel nachweisen.

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Abb 2: Selbsteinschätzung Stress am Arbeitsplatz

Rund die Hälfte der Mitarbeiter*innen im Finanzbereich gibt an, an Erschöpfung, Abgeschlagenheit, Gereiztheit, Zustände innerlicher Unruhe zu leiden oder das Gefühl zu haben, dass die verbleibende Freizeit nicht zur Erholung ausreicht. Die Belastung durch eine Vielzahl von noch zu erledigenden Aufgaben führt bei 47 % der Mitarbeiter*innen dazu, dass sie das Gefühl haben, sich oft nicht auf eine Aufgabe konzentrieren zu können.

96 % der Befragten sehen sich in Abhängigkeit ihres Tätigkeitsfeldes während der Abschlusszeiten (Erstellung von Monats-, Quartals- und Jahresabschlüssen), Planungen und Forecasts Stress ausgesetzt. Grund dafür sind vor allem die fest­gesetzten Fristen der Abgabenbehörden oder Kund*innen. Aber auch in Phasen intensiver Projekttätigkeiten und während Adhoc-Anfragen steigt das Stresslevel von Mitarbeiter*innen. Nur 4 % der Befragten empfinden über das Geschäftsjahr hinweg gar keinen Stress.

Als Auslöser von Stress am Arbeitsplatz werden vorwiegend organisatorische Gründe wie Termindruck, die hohe Anforderungsdichte, unklare/unvollständige Vorgaben, unklare Rollenzuteilung sowie ein hohes Arbeitspensum durch Überstunden genannt. Angeführt werden aber auch Gründe aus dem sozialen Umfeld (schlechte Unternehmenskultur und Streit mit Kolleg*innen) und – wenngleich in deutlich geringerem Umfang – eine belastende, unruhige oder nicht ergonomische Arbeitsumgebung (vgl Abbildung 3).

3.2. Die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Stressempfinden

66 % der Befragten sehen die Automatisierung und Standardisierung von Tätigkeiten als Mittel zur Stressreduktion. Es ist davon auszugehen, dass Mitarbeiter*innen die Ansicht vertreten, dass die Digitalisierung insbesondere Routineaufgaben verringern kann und damit auch die wahrgenommene Anforderungsdichte zurückgeht. Mit Hilfe von digitalen (integrierten) Lösungen können sowohl Rollen als auch Aufgaben und Tätigkeitsbeschreibungen in den Berichterstattungsprozessen definiert und hinterlegt werden. Der Stress von Mitarbeiter*innen kann unter anderem durch diese digitalen Lösungen reduziert werden, da definiert und festgelegt ist, was erwartet wird.5

12 % der Befragten vertreten die Ansicht, dass die Digitalisierung nicht zu einer Stressreduktion führen wird. 22 % der Befragten sehen sich im Befragungszeitpunkt nicht in der Lage, diese Frage zu beurteilen (vgl Abbildung 4).

Gründe, warum Mitarbeiter*innen die zunehmende Digitalisierung nicht notwendiger Weise als Mittel zur Stressreduktion wahrnehmen, können darin liegen, dass Digitalisierung auch Stressoren bedingt. Beispielsweise wenn die Daten als unverständlich oder zu komplex wahrgenommen werden,6 was dazu führen kann, dass Mitarbeiter*innen verunsichert sein können, ob sie die erforderlichen Kompetenzen und Fähigkeiten besitzen, die Daten korrekt zu verarbeiten. Gleichzeitig kann die ständige Weiterentwicklung der digitalen Technologien bei Mitarbeiter*innen Verun­sicherung und Stress auslösen, wenn sie der Ansicht sind, dass ihre Erfahrungen (künftig) nicht mehr ausreichen, um die Aufgaben mit den neuen digitalen Tools zu lösen. Liegen die notwendigen Kompetenzen und Erfahrungen nicht vor, so werden digitale Technologien häufig auch als fehleranfällig empfunden, was zu einer Verun­sicherung im Umgang mit diesen und somit zu Stress führen kann. Aber auch die durchgehende Verfügbarkeit aufgrund der Nutzung von digitalen Medien und Technologien kann Stress auslösen. Diese vermeintliche Omnipräsenz verursacht bei Betroffenen das Gefühl, die Gedanken an die Arbeit nie ablegen zu können.7 Immerhin 25 % der Befragten geben an, auch außerhalb der Arbeitszeiten, wie an Wochenenden oder im Urlaub, ihre betrieblichen Emails und Nachrichten zu lesen.

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Abb 3: Stressoren am Arbeitsplatz von Mitarbeiter*innen im Finanzbereich, Mehrfachauswahl möglich

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Abb 4: Einschätzung der Prozessstandardisierungen und -automatisierungen zur Stressreduktion

Ziel der Studie war auch, zu erheben, inwieweit Homeoffice oder andere digitale Formen der Kollaboration (mobile working) das Stressempfinden in Bezug auf Arbeit beeinflussen (vgl Abbildung 5). 9 % der Befragten war es bereits vor Corona möglich, im Homeoffice zu arbeiten. 61 % haben seit der Ausbreitung der COVID-19-Pandemie in Österreich die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Zusätzliche 15 % waren nur während behördlich verordneter Lockdowns im Homeoffice. 15 % verrichteten ihre Arbeit noch nie von Zuhause. 47 % der Befragten, die auch außerhalb der behördlichen Lockdowns die Möglichkeit haben, im Homeoffice zu sein, arbeiten zwei bis drei Tage pro Woche im Homeoffice. 12 % sind vier Tage im Homeoffice tätig, weitere 33 % sind ausschließlich im Homeoffice tätig. 8 % arbeiten lediglich einen Tag von Zuhause. Es bleibt abzuw­arten, wie sich der Anteil an Homeoffice nach Lockerung der Corona-Maßnahmen im März 2022 entwickelt.

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Abb 5: Stressempfinden im Homeoffice

Die Ergebnisse zeigen, dass sich für die Hälfte der Befragten kein Unterschied im Empfinden von Stress am Arbeitsplatz im Unternehmen bzw im Homeoffice ergibt. Bei 33 % der Befragten hat der Stress im Homeoffice abgenommen, bei 17 % hat sich das Stressempfinden im Homeoffice erhöht. Interessanterweise haben rund 30 % ange­geben, dass sich das Arbeitspensum in Stunden im Homeoffice erhöht hat. Dennoch dürfte es weniger belastend sein, da im Durchschnitt die empfundene Stressbelastung nur bei 17 % der Teilnehmer*innen zugenommen hat. Bei 59 % der Befragten hat sich die Anzahl der Arbeitsstunden nicht verändert. 11 % geben an, ein geringeres Stundenausmaß im Homeoffice als im Unternehmen zu leisten. Diese Entwicklung könnte einen Hinweis für effizientere Arbeitsbedingungen im Homeoffice darstellen und somit auch auf eine Verringerung der Überstunden hindeuten.

Auch wenn durch Homeoffice Gründe für Stress wie die Anforderungsdichte oder unklare Aufgaben- und Rollenverteilungen nicht behoben werden, wird angeführt, dass eine geringe Stressbelastung im Wegfallen der Fahrtzeiten, erhöhte Konzentration, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, weniger Ablenkung durch Kolleg*innen und die Möglichkeit, sich bewusst Pausen zu gönnen, gesehen werden. Jene, die im Homeoffice vermehrten Stress empfinden, sehen die Hauptgründe im fehlenden Kontakt zu Arbeitskolleg*innen, der Schwierigkeit, Arbeit und Freizeit zu trennen, mangelnde IT-Infrastruktur im Homeoffice sowie höhere Ablenkungsgefahr durch Haushalt oder Kinderbetreuung.

Auf den Punkt gebracht

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen, dass Mitarbeiter*innen im Finanzbereich ein sehr hohes oder eher hohes Stressempfinden haben, welches überwiegend durch Termindruck, hohe Anforderungsdichte sowie unklare Aufgaben und Rollenzuteilungen ausgelöst wird. Automatisierung und Standardisierung von (Routine-)Prozessen und Tätigkeiten können als Möglichkeit gesehen werden, die Anforderungsdichte und damit das wahrgenommene Stresslevel zu reduzieren.

Der Einsatz digitaler Technologien ermöglicht aber auch Rollen, Arbeitsaufgaben und Arbeitsbeschreibungen im System zu erfassen, wodurch Unsicherheiten in Bezug auf Erwartungshaltungen reduziert werden. Homeoffice als Form der digitalen Zusammenarbeit hat für die Hälfte der befragten Mitarbeiter*innen keinen Einfluss auf das empfundene Stresslevel. In einem Drittel der Fälle verringert sich das wahrgenommene Stresslevel. In einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt wird es unter anderem notwendig sein, durch kontinuierliche Weiter­bildungsmaßnahmen Ängste im Umgang mit digitalen Technologien zu nehmen und so die durch Digitalisierung bedingten Stressoren zu verhindern.

Die durch die Digitalisierung zunehmende Aufwertung des Finanzbereichs führt zu einer steigenden Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeiter*innen. Bezüglich Arbeitsplatzverlust besteht damit kein Grund zur Sorge. Vielmehr können Mitarbeiter*innen im Finanzbereich von sehr vielversprechenden Zukunftsperspektiven ausgehen.


Der Beitrag wurde zuerst veröffentlich in der CFOaktuell Heft 3/2022. Alle Infos unter www.cfoaktuell.at

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