Treasury-Interview: „Die Zeit der Finanzkrise war eine sehr gute Schule“

Florian Heindl ist Group Treasurer beim Flugzeugkomponentenhersteller FACC und leitet seit Beginn des Jahres, neben dem Treasury und dem Enterprise Risk Management, auch den Bereich Investor Relations. Im Interview berichtet er unter anderem wie breit die Themenfelder im Treasury Management gestreut sind.


Controller Institut: Liquidität ist immer ein zentrales Thema für Unternehmen. Was sind die Aufgaben eines Treasurer und wie soll er in der Organisation integriert sein?

Florian Heindl: Als Treasurer muss man jedenfalls ein tiefes Verständnis für das Geschäftsmodell, die Wirkungsketten dahinter und die Geschäftsstrategie mitbringen. Die Zeiten des „Kassenwarts“, der Geld von A nach B verschiebt, sind lange vorbei. Bei FACC spannt sich die Aufgabenbreite des Treasury neben dem originären Zahlungsverkehr und dem Cash-Management & Reporting noch über die Bereiche interne und externe Konzernfinanzierung, Creditor Relations Management, Financial Risk Management, Trade Finance und das Konzernversicherungswesen. Zuletzt haben wir auch den Bereich Investor Relations mit dem Treasury-Bereich verschmolzen. Damit können wir unsere gesamten Investoren- und Finanzpartner einheitlich bedienen – ein großer Vorteil aus meiner Sicht. Das Treasury soll also organisatorisch ganz nah am Finanzvorstand/Geschäftsführung und mit den anderen wesentlichen Finanzbereichen (Accounting und Controlling) eng vernetzt sein. Eine enge Bindung zu Sales und den Einkaufsbereichen schadet auch keinesfalls – vor allem wenn es um Trade-Finance-Aktivitäten geht.

CI: Wie ist Ihr persönlicher Werdegang?

Heindl: Ich habe meine berufliche Laufbahn bei einer österreichischen Bank im Treasury Sales als Derivatehändler gestartet. Die Zeit der Finanzkrise ab 2008 war eine sehr gute Schule. Danach habe ich die Seiten gewechselt und bin in das Konzern-Treasury eines österreichischen Versorgers gewechselt. Hier habe ich vor allem viel über die professionelle Organisation und Strukturierung eines Konzern-Treasury gelernt. Von dort ging es weiter zu meiner ersten Treasury-Leitungsfunktion in einem familiengeführten Industrieunternehmen und im November 2016 bin ich der FACC-Crew beigetreten.

CI: Was sind aus Ihrer Sicht interessante Finanzinstrumente?

Heindl: Die Auswahl der passenden Finanzinstrumente ist immer von der Unternehmensgröße abhängig. Bei FACC haben wir Konsortialfinanzierung und Schuldschein als die für uns derzeit passenden Fremdkapitalinstrumente festgelegt. Eindeutig festzustellen ist, dass die Digitalisierung bei all diesen genannten Instrumenten eine immer größere Rolle spielt – dies wird zukünftig auch für eine stärkere Marktdurchdringung und Umsetzbarkeit bestimmter Instrumente in kleineren Unternehmen sorgen. Die Corona-Pandemie hat durch die Zunahme der Digitalkompetenzen in den Unternehmen diese Entwicklung wohl zusätzlich beschleunigt.

CI: Welche neuen Technologien sind für Treasury-Systeme relevant?

Heindl: Wir sind bei FACC im Treasury sicher noch nicht im Anwenderspitzenfeld neuer Technologien angekommen. Die Themen der nächsten Jahre werden bei uns weiterhin Automatisierung von Prozessen und Straight-Through-Processing sein. Darüber hinaus sehe ich großes Potenzial im Bereich der intelligenten Datenanalyse. In unseren Systemen ist eine Vielfalt an Informationen verfügbar, die wir heute im Treasury nur zu einem Bruchteil zur Optimierung von unternehmensweiten Prozessen nutzen.

CI: Welche Skills brauchen Treasurer?

Heindl: Kommunikationsfähigkeit, Veränderungsbereitschaft, Stressresistenz, interdisziplinäres Denken, Zahlengefühl

CI: Was macht Ihnen am meisten Freude an Ihren Beruf und was challenget Sie besonders?

Heindl: Am meisten Freude bereitet mir meine breite Aufgabenvielfalt, die ich mit meinem Team bearbeiten darf: Treasury, Investor Relations und Enterprise Risk Management. Durch diese Breite bietet sich mir ein sehr tiefer Einblick und Verständnis für die Abläufe im Unternehmen. Die größte Herausforderung war zuletzt, unserem Kernbankenkreis bei den Waiver-Verhandlungen (Konsortialkredit) die mittel- und langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf FACC transparent darzulegen und den Weg aus der Krise verständlich zu skizzieren. Am Ende haben wir für beide Seiten eine vertretbare Lösung gefunden – ein schöner Erfolg zum Jahresende 2020. Aktuell ist es die Integration des Investor Relations Bereichs.

CI: Was hat Corona verändert? Wohin geht die Reise?

Heindl: Corona hat sicherlich die Art und Weise, wie wir arbeiten und beruflich kommunizieren dauerhaft verändert. Viele persönliche Meetings werden künftig wegfallen und digital stattfinden. Zudem wurde die digitale Kompetenz vieler Menschen (mich eingeschlossen) unfreiwillig drastisch erhöht – ein absoluter Gewinn. Im privaten Bereich erwarte ich keine großen Veränderungen – die Menschen sind hungrig nach Normalität und da gehört unter anderem ein Treffen im Wirtshaus oder eine Urlaubsreise aus meiner Sicht einfach dazu.


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