Im Wandel liegt die Kraft

INTERVIEW: Rita Niedermayr spricht mit Gunther Reimoser und Christoph Badelt über fundamentalen Wandel, Nachhaltigkeit, Status quo der Digitalisierung und wie die Arbeitswelt hier Schritt halten kann.


RITA NIEDERMAYR: „Transformation literally means going beyond your form“, sagt US- Autor Wayne Dyer. Nachhaltigkeit, die Veränderung der Arbeitswelt und die Digitalisierung sind transformative Kräfte, die die Unternehmen maßgeblich beeinflussen werden. Was bedeutet im Kern Transformation für Sie?

CHRISTOPH BADELT: Ich gehe davon aus, dass der Veränderungsprozess, der jetzt gerade stattfindet und den es geben wird, sehr groß ist. Was den Scope, den Umfang und die Tiefe betrifft, glaube ich, dass dieser Wandlungsprozess historisch seinesgleichen sucht. In seiner Relevanz ist er zumindest ebenso bedeutend wie die erste Industrielle Revolution, wenn nicht noch mehr. Ich glaube, da bleibt kein Stein auf dem anderen.

RITA NIEDERMAYR: Wie wirken diese transformativen Kräfte? Verstärken sich diese gegenseitig bzw. stehen sie in Konkurrenz zueinander oder bedingen sie einander?

GUNTHER REIMOSER: Ich glaube, sie konkurrieren nicht. Unternehmen müssen beides umsetzen und damit umgehen lernen. Die Digitalisierung kann dazu beitragen, noch nachhaltiger zu werden. Wir benötigen neue Technologien, wenn wir dennoch nachhaltig werden und unser derzeitiges Wohlstandsniveau halten können wollen.

RITA NIEDERMAYR: Nachhaltigkeit hat endlich Fahrt aufgenommen, unter anderem durch den EU-Aktionsplan mit EU-Taxonomie und CSRD, durch Ratings am Kapitalmarkt und auf Unternehmensebene. Ist das Thema bei österreichischen Unternehmen angekommen?

BADELT: Bestimmte Branchen stoßen immer noch massiv Treibhausgase aus, insbesondere im industriellen Bereich. Es gibt eine Reihe von Unternehmen, die sich einfach fundamental ändern müssen. Nur: Denen erzählen wir nichts Neues. Das Bewusstsein ist zwar da, aber bestimmte Dinge lassen sich nur langsam umsetzen. Zum einen ist das ein Kapitalproblem, zum anderen aber auch eine Frage, wie schnell die technologische Entwicklung voranschreitet. Denken Sie nur an die Wasserstoffproblematik. Ich glaube, dass die Wirtschaft in Wahrheit das Nachhaltigkeitsthema schon internalisiert hat, aber hoffe, dass sich die Zeitspanne zwischen Einsicht und Umsetzung verkürzt.

RITA NIEDERMAYR: Digitalisierung wird noch lange ein Treiber für Wirtschaft und Unternehmen bleiben. Welche Entwicklungen erwarten Sie und in welchen Bereichen sind die Unternehmen jetzt gefordert?

REIMOSER: Die Digitalisierung ist nichts Neues, aber einige Technologien sind erst jetzt reif für den Einsatz. Wo tatsächlich investiert wird, ist stark von der Branche abhängig: Im Dienstleistungssektor ist Digitalisierung meist die Automatisierung von Prozessen, häufig von administrativen Abläufen. Oder es wird die Kundenschnittstelle digitalisiert, aber die Art der Leistungserbringung ändert sich nicht. Wohingegen es im produzierenden Bereich Technologien wie beispielsweise 3D-Druck gibt, die einen radikalen Wandel ermöglichen. Die Theorien zu Big Data oder KI wurden bereits Anfang der 90er-Jahre an der Uni gelehrt, wurden aber erst in den vergangenen Jahren praxistauglich und anwendungsfähig. Es werden zwar laufend überall Daten generiert, wenn es aber darum geht, diese auch zu nutzen, tun sich viele Unternehmen schwer. Der nächste Schritt wäre, Ökosysteme über Unternehmensgrenzen hinweg zu bilden, das machen bisher nur wenige. Generell kann man sagen, dass das Thema Digitalisierung so breit ist, dass sich viele Unternehmen schwertun, es einzuordnen. Die Unternehmen sind jetzt gefragt, hier eine Struktur zu entwickeln und matrixartig zu analysieren, in welchem ihrer Bereiche es welche Möglichkeiten gibt. Ich würde jedem Unternehmen raten, das Datenthema strukturiert anzugehen.

RITA NIEDERMAYR: Wie können Digitalisierung und Nachhaltigkeit effizient und effektiv Teil der Unternehmensstrategie werden? Muss Arbeiten dafür neu gedacht werden?

REIMOSER: Geht es um New Way of Work, spielen mehrere Themen eine Rolle. Man muss definieren, wie das Arbeitsumfeld aussieht: Wo und wann wird gearbeitet, wie viel Flexibilität ist möglich, natürlich ist das immer auch branchenabhängig. Zudem müssen sich Unternehmen auch dem Thema „Purpose“ widmen. Arbeit muss Sinn machen, muss erfüllend sein, nicht nur in der Tätigkeit selbst. Unternehmen und ihre Mitarbeiter brauchen auch einen Purpose im Sinne eines Longterm Value. Arbeit soll nicht nur ökonomischen, sondern grundsätzlich mittelbaren oder unmittelbaren gesellschaftlichen Nutzen und damit einen Mehrwert haben – und das für eine größere Stakeholder-Community wie Kunden oder Mitarbeiter. Auch die Unternehmenskultur spielt eine Rolle. Im Idealfall ist sie divers, inklusiv und partizipativ. Auch auf die eigentliche Tätigkeit darf nicht vergessen werden. Man versucht, die interessanten Tätigkeiten von den uninteressanteren zu trennen. Letztere können dank Digitalisierung zunehmend automatisiert werden.

RITA NIEDERMAYR: Was sind die wichtigsten Punkte, die Sie CFOs für ihre Agenda mitgeben wollen?

REIMOSER: Meines Erachtens muss eine Finanzorganisation diese Geschwindigkeit der Veränderung sehr schnell abbilden können. Die Voraussetzung dafür sind hohe Datenqualität als auch rasche Datenverfügbarkeit. Fehlt es an notwendigen Daten und Ressourcen oder überhaupt entsprechenden IT-Systemen, ist jetzt der Zeitpunkt, um zu handeln und den Anschluss nicht zu verlieren. Ich rate daher zu einer entsprechenden Bestandsaufnahme: Wo stehe ich eigentlich und wo gibt es noch Handlungsbedarf? Daraus lässt sich die entsprechende Roadmap ableiten.

BADELT: Ich bin nicht sicher, ob alle CFOs diese Veränderungstendenzen, die sich zunächst außerhalb des Finanziellen abspielen, auch ernst nehmen und bereit sind, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Digitalisierung, Nachhaltigkeit und New Work sind weder eine soziale noch ökologische Spinnerei, sondern Themen, die direkte Auswirkungen auf den Unternehmensoutput oder die -produktivität haben. Das sind messbare Kennzahlen und damit auch für CFOs wichtige Kriterien.


Gunther Reimoser ist Country Managing Partner von EY Österreich. Seit mehr als 20 Jahren begleitet er nationale und internationale Unternehmen bei der ganzheitlichen Transformation.

Christoph Badelt ist emeritierter Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien. Der Volkswirtschafter leitete bis vergangenes Jahr das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung.

Rita Nidermayr ist Geschäftsführerin des Controller Instituts und als Associate Partnerin bei EY Österreich im Bereich Advisory verantwortlich für Services auf den Gebieten Learning & Change.

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