Fast Forward – Highlights des Controlling-Panel 2017

Controlling als Mitgestalter des digitalen Wandels

Bereits seit dem Jahr 2007 führt das Controller Institut eine jährliche Befragung zu aktuellen Themen und Trends im Fachgebiet Controlling durch. Das Controlling-Panel 2017 stand unter dem Titel „Fast Forward – Controlling als Mitgestalter des digitalen Wandels“. Die Befragung wurde – wie auch im letzten Jahr – mit Controlling-Leitern aus Österreich und Deutschland durchgeführt. Dieser Beitrag präsentiert die zentralen Ergebnisse.

1. Allgemeines

Aus einer Grundmenge von rund 4.000 versandten Online-Fragebögen konnten 249 Beantwortungen gesammelt werden (Rücklauf 6,2 %). Zudem bildet der Erhebungsrücklauf einen repräsentativen Verteilungsschnitt über Branchen, Umsatz- und Mitarbeiterklassen sowie Unternehmensstrukturen ab, was eine zuverlässige und valide Basis für die vorliegenden Ergebnisse gewährleistet (siehe Abb 1).

Abb 1: Rücklauf nach Branche (n = 243)

2. Zentrale Ergebnisse

Der Stellen­wert der Digitalisierung wird von den Unternehmen erkannt, allerdings befindet sich die überwiegende Mehrheit hinsichtlich der unternehmensspezifischen Entwicklung unterschiedlicher Digitalisierungsaspekte noch in einem frühen Stadium. Die Studienergebnisse zeigen in den Themenbereichen Organisation, Kompetenzaufbau und notwendige (IT-bezogene) Investitionen umfangreichen Entwicklungsbedarf. Folgende zentrale Ergebnisse lassen sich in diesem Zusammenhang aus dem Controlling-Panel 2017 ableiten:

Grundverständnis von Digitalisierung: Digitalisierung wird primär im Sinne der verstärkten Prozessautomatisierung (44,4 % stimmten hier vollständig zu) und im Lichte sicherheitsrelevanter Anforderungen (44,3 %) verstanden. Erst an dritter Stelle wird die Weiterentwicklung bestehender Geschäftsmodelle genannt (32,6 %). Nur jedes vierte Unternehmen verbindet mit Digitalisierung die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle (27,9 %).
Intensität der Auseinandersetzung: Die Relevanz der Digitalisierung wird von den Unternehmen erkannt: Zwei Drittel der befragten Unternehmen gaben an, sich „intensiv“ (41,9 %) oder „sehr intensiv“ (24,7 %) mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Themenfokus: Die fünf in der Erhebung abgefragten Digitalisierungsaspekte (Big Data, Data Mining, Predictive Analytics, Artificial Intelligence, Mash-up) werden von den Unternehmen mehrheitlich als relevant erachtet und finden sich aktuell überwiegend in der (Vor-)Prüfungsphase.
Treiber der Digitalisierung: Der stärkste Digitalisierungstreiber wird im Top-Management (38,2 % stimmten diesbezüglich vollständig zu) gesehen, gefolgt von der IT-Abteilung (28,8 %). Bis dato spielt Controlling nur eine untergeordnete Rolle (< 10 %).
Nutzenpotenzial: Bezogen auf Controlling-Prozesse wird das Nutzenpotenzial eher in der Qualitätssteigerung als in der Kostensenkung gesehen.
Entwicklungsbedarfe – Controlling-Organisation: Zur Hebung von Digitalisierungspotenzialen im Controlling halten die befragten Unternehmen mehrheitlich die Zentralisierung von Controlling-Prozessen und die Etablierung eines Data-Science-Teams für notwendig.
Entwicklungsbedarfe – Kompetenzaufbau: Der Auf- bzw Ausbau der folgenden Kompetenzen wird als notwendig erachtet: Vertiefung analytische, statistische Skills, Vertiefung IT-technische Skills und vernetzteres, ganzheitlicheres Denken.
Entwicklungsbedarfe – IT-Investments: Bedarfe für IT-Investitionen werden themenseitig insb für Big Data und Predictive Analytics gesehen. Prozessseitig besteht primär in den Bereichen Standard-Reporting und -Forecasting sowie Budgetierung Investitionsbedarf.

3. Ausgewählte Detailergebnisse

3.1. Intensität der Auseinandersetzung mit Digitalisierung

Wie bereits oben erwähnt, sind sich die befragten Unternehmen der Bedeutung von Digitalisierung bewusst. Während die Ergebnisse für Deutschland und Österreich hierbei sehr ähnlich ausfallen, zeigt sich bei den unterschiedlichen Unternehmensgrößen und Branchen ein differenziertes Bild:

Große Unternehmen beschäftigen sich intensiver mit Digitalisierung: Während nur 19,7 % der kleinen Unternehmen angeben, sich sehr intensiv mit dem Thema Digitalisierung zu beschäftigen, steigt dieser Anteil bei sehr großen Unternehmen auf 28,2 %.
Telekommunikations-, Medien- und Technologie­unternehmen sowie der Handel sind besonders digitalisierungsaffin: Im Branchenvergleich fällt auf, dass sich insb die Telekommunikations-, Medien- und Technologiebranche (TMT) intensiv mit dem Thema auseinandersetzt, gefolgt vom Groß- und Einzelhandel. Die in jüngster Vergangenheit aufgetretenen Geschäftsmodellumbrüche in diesen Branchen (im Falle TMT zB Abostatt Kaufmodell für Musik des Streaming-Anbieters Spotify bzw der Megatrend Omni-Channel im Handel) verdeutlichen konkrete Auswirkungen der Digitalisierung.

3.2. Fokusaspekte der Digitalisierung

Um die Schwerpunkte der aktuellen Digitalisierungsbemühungen konkreter fassen zu können und insb zu erfahren, welche Themen bereits in der unternehmerischen Praxis angekommen sind, wurde der Entwicklungsstand zu fünf zentralen Themen abgefragt (siehe Abb 2). Im Gesamtbild zeigt sich, dass die operative Anwendung aktuell noch geringe Verbreitung hat, zumindest für Big Data und Predictive Analytics aber sehr rasch ansteigen wird.

Ca jedes fünfte Unternehmen betreibt bereits Projekte in diesen Themenbereichen, ca weitere 30 % prüfen dies. Insb Predictive Analytics stößt auf großes Interesse, mehr als 90 % der Unternehmen sehen dieses Thema als relevant an. Weiters lässt sich erkennen, dass Artificial Intelligence aktuell noch nicht in den Unternehmen angekommen ist, aber als nächster Innovationsschub zu erwarten ist.

Abb 2: Entwicklungsstadium von Digitalisierungsthemen im Controlling (n = 204)

 

3.3. Treiber der Digitalisierung

Im Sinne einer aktiven Nutzung der Chancen, die Digitalisierung bedeutet, ist es wichtig, zu verstehen, wer die Treiber im Unternehmen sind. Die Befragung zeigt, dass das Top-Management (38,2 % stimmten diesbezüglich vollständig zu) gefolgt von der IT-Abteilung die wichtigsten Promotoren sind. Weiters fällt auf, dass die Bedeutung des Treibers „Top-Management“ mit der Unternehmensgröße deutlich positiv korreliert. So stimmen 36 % der kleinen Unternehmen diesem Treiber vollständig zu, während dieser Wert bei sehr großen Unternehmen auf über 50 % ansteigt.

Bemerkens­wert ist zudem, dass weniger als 10 % der befragten Unternehmen einer Treiberrolle des Controllings im Zuge der Unternehmensdigitalisierung vollständig zustimmen. Auch eigens geschaffene Stellen (zB Digital Officer) sind noch wenig verbreitet (siehe Abb 3).

Abb 3: Treiber der Digitalisierung (1: stimme vollständig zu; 5: stimme gar nicht zu, n = 233)

 

3.4. Rolle des Controllings im Zuge der Digitalisierung

Betrachtet man die Rolle des Controllings iZm Digitalisierung etwas genauer, zeigt sich, dass sich das Controlling nur in wenigen der befragten Unternehmen in einer sehr aktiven Rolle sieht. Dieser Befund zeigt sich nicht nur in der digitalen Transformation des Gesamt­unternehmens (7 % sehen Controlling in einer sehr aktiven Rolle), sondern auch in der Anwendung bzw Nutzung von Digitalisierung im Controlling selbst (18,9 %).

Dieser eher defensive Befund ist insofern kritisch zu werten, als dem Controlling in Bezug auf (Massen-)Daten (Big Data) und betriebswirtschaftliche Logik (Predictive Analytics) eine entscheidende Rolle in der Datensammlung und -nutzung im Gesamt­unternehmen zukommt und diese Rolle durch das Controlling auch aktiv zu gestalten ist.

3.5. Entwicklungsbedarfe zur Unterstützung der Unternehmensdigitalisierung

Angesichts der vielen Vorhaben im Projektstadium (siehe Abb 2) ist erkennbar, dass sich eine Welle an Innovations- und Weiterentwicklungsmaßnahmen aufbaut, die die Unternehmen im Rahmen der Integration in operative Prozesse vor große Herausforderungen stellen wird. Es wurde daher untersucht, welche Vorbereitungen notwendig sind, um die Voraussetzungen für eine möglichst rasche und reibungslose Digitalisierung von Controlling-Prozessen zu schaffen.

3.5.1. Erforderliche organisationale Veränderungen

Die Notwendigkeit, Änderungen in der Controlling-Organisation vorzunehmen, um Chancen aus der Digitalisierung zu nutzen, wird als Thema mittlerer Priorität bewertet (2,40 bei einer Skala von 1: stimme vollständig zu bis 5: stimme überhaupt nicht zu), wobei deutsche Unternehmen dieses Thema als dringlicher erachten als österreichische (Deutschland: 2,27; Österreich: 2,50). Für diese Frage­stellung gilt zudem einmal mehr: Je größer das Unternehmen, desto stärker die wahrgenommene Notwendigkeit für derartige Anpassungen (kleine Unternehmen 2,61; sehr große Unternehmen 2,09). Branchenbezogen geben 70 % der befragten Unternehmen aus der TMT-Branche an, der Notwendigkeit für Organisationsanpassungen im Controlling vollständig zuzustimmen, im Gegensatz zu den Finanz­dienstleistern/Versicherungen, bei denen dieser Wert bei nur 7,1 % liegt.

Konkret geht es dabei um folgende organisationale Anpassungen (siehe Abb 4):

Zentralisierung von Controlling-Prozessen: Sowohl in Österreich als auch in Deutschland lässt sich eine starke Tendenz zur Zentralisierung von Controlling-Prozessen (Österreich: 59 %; Deutschland: 56 %) wahrnehmen, wobei diese vor allem bei großen und sehr großen Unternehmen (75 % bzw 64 %) stark ausgeprägt ist (kleine Unternehmen 31 %; mittlere Unternehmen 46 %).
Etablierung eines Data Scientists bzw Data-Science-Teams: Während österreichische Unternehmen eher von einer Organisations­änderung in Form einer Data-Scientist-Stelle ausgehen (Österreich: 54 %; Deutschland: 29 %), erachten deutsche Unternehmen die Etablierung eines Data-Science-Teams bzw Kompetenzzentrums für Analytics für sinnvoll (Österreich: 48 %; Deutschland: 58 %). Länderunabhängig gilt, dass große Unternehmen die Etablierung eines Data Scientists/Data-Science-Teams als relevanter erachten als kleine (kleine und mittlere Unternehmen 23 % bzw 35 %; große und sehr große Unternehmen 51 % bzw 62 %). Das spiegelt sich darin wider, dass große Unternehmen in der tatsächlichen Schaffung einer Data-Science-Stelle bereits weiter sind als kleine Unternehmen – gesamthaft betrachtet dennoch auf sehr niedrigem Niveau: Bisher hat weniger als jedes zehnte der befragten Unternehmen eine Data-Science-Stelle geschaffen.
Aufbau von Controlling-Kapazitäten: 40 % der österreichischen bzw 38 % der deutschen Unternehmen halten einen Kapazitätsaufbau im Zuge der Digitalisierung für notwendig. 10 % bzw 15 % halten einen Kapazitätsabbau für möglich.

 

Abb 4: Entwicklungsbedarfe in der Controlling-Organisation (n = 118)

3.5.2. Erforderlicher Kompetenzaufbau

Hinsichtlich des notwendigen Kompetenzaufbaus sehen die befragten Unternehmen insb analytische und IT-technische Skills, gefolgt von ganzheitlichem Denken als notwendig an. Besonders hohe Zustimmungs­werte bezüglich der Vertiefung der analytischen und statistischen Skills weisen die Branchen Automotive/Transport (95 %), TMT (88 %) und Groß- und Einzelhandel (88 %) auf.

Eine verbesserte Controlling-spezifische Unterstützung wird im Gegensatz dazu nur von jedem fünften Unternehmen als notwendig erachtet. Dabei fällt auf, dass die Finanz­dienstleister/Versicherer hier mit 57 % Zustimmung (gefolgt von Pharma/Gesundheit mit 40 %) die größten Handlungsbedarfe hinsichtlich des Kompetenzaufbaus im Controlling innerhalb des Branchenvergleichs erkennen lassen (siehe Abb 5).

Notwendige Kompetenzentwicklung (n = 118)

3.5.3. Erforderliche IT-Investitionen

Aus Digitalisierungsanforderungen entstehen IT-Investments: 63,7 % der befragten Unternehmen stimmen dem vollständig zu (Gesamtschnitt 1,47). Besonders klar trifft dies für die Konsum­güter- (1,22) und die TMT-Branche zu (1,30).

Um den Themenkomplex der Investitionen mit Controlling-Bezug besser fassen zu können, wurden Controlling-Prozesse und -Themen differenziert hinsichtlich notwendiger IT-Investments überprüft. Aus Prozesssicht bestehen Investitionsnotwendigkeiten schwerpunktmäßig für das Standard-Reporting, die Budgetierung und die Standard-Forecasts (siehe Abb 6). Hinsichtlich der Unternehmensgröße zeigt sich dabei ein heterogenes Bild: Die Notwendigkeit von IT-Investments für Standard-Reporting, Standard-Forecasts und Mittel­fristplanung werden von größeren Unternehmen tendenziell als wichtiger erachtet. Bei kleinen Unternehmen werden hingegen eher Ad-hoc-Analysen, -Forecasts und -Szenarien sowie Simulationen priorisiert.

Investitionsbedarf bei Controlling-Prozessen (n = 179)

Wechselt man von der Prozess- zur Themensicht, so wird ersichtlich, dass die Notwendigkeit für IT-Investments vor allem für die Themenbereiche Big Data, Predictive Analytics und Data Mining gesehen wird. Bei genauerer Betrachtung der beiden führenden Themen Big Data und Predictive Analytics lässt sich im Branchenvergleich Folgendes feststellen:

Big Data: Als besonders relevant wird dieses Thema von der Konsum­güter- (89 %), Pharma-/Gesundheits- (89 %), TMT- (88 %) und Automotive/Transportbranche (87 %) erachtet. Energie­unternehmen messen diesem Thema relativ die geringste Relevanz bei (58 %).
Predictive Analytics: Dieser Themenbereich wird mit 88%iger Zustimmung hinsichtlich erforderlicher IT-Investitionen speziell von der TMT-Branche als relevant angesehen.

Abb 7 zeigt den Investitionsbedarf in Digitalisierungsthemen.

Investitionsbedarf in Digitalisierungsthemen (n = 173)

Auf den Punkt gebracht

Im Zuge des Controlling-Panels 2017 konnte festgestellt werden, dass die Auseinandersetzung mit Digitalisierungsthemen in Unternehmen bereits intensiv geführt wird und substanzielle Anstrengungen in die (Vor-)Prüfung von Digitalisierungsaspekten investiert werden. Um diese Innovationswelle bewältigen und Entwicklungsprojekte in operative Erfolge ummünzen zu können, ist es notwendig, Handlungsfelder zu identifizieren, die insb die Leistungssteigerung im Controlling durch Digitalisierung ermöglichen.

Folgende potenzielle Entwicklungsbedarfe und damit zusammenhängende Handlungsfelder konnten hierfür aus der gegenständlichen Erhebung identifiziert werden:

Aktivere Einbindung des Controllings in Digitalisierungsbemühungen: Das Controlling nimmt eine zentrale Rolle hinsichtlich der Datennutzung im Unternehmen ein und ist mit dem „Datenschatz“ in der Regel gut vertraut. Es empfiehlt sich daher, die Rolle des Controllings hinsichtlich der Digitalisierung im eigenen Unternehmen konkret zu definieren und aktiv zu gestalten.
Änderungen der Controlling-Organisation: Abhängig von Unternehmensgröße und -branche sind organisationale Anpassungen im Controlling, etwa die Zentralisierung von Controlling-Prozessen oder der Aufbau einer Data-Scientist-Stelle, zu prüfen.
IT-Investitionen: Prozessseitig wurde von Seiten der Unternehmen IT-Investitionsbedarf für die Controlling-Prozesse Standard-Reporting und -Budgetierung, themenseitig für Big Data und Predictive Analytics erkannt. Auf Basis konkreter Use Cases gilt es, rasch Mittel für eine technische Umsetzung frei zu machen und über eine agile Implementierung nachweislichen Nutzen zu generieren.

Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass die Innovationswelle rollt und das Controlling – ein zeitnahes und entschlussfreudiges Handeln voraus­gesetzt – auf dieser Welle reiten kann, anstatt davon überrollt zu werden.

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