Die Finanzorganisation hat eine maßgebliche Rolle im Strategieprozess

Rita Niedermayr und Sarah Blaimschein im Gespräch mit Microsoft Österreich CFO Nikolai Rizzo

Digitalisierung ist das Schlagwort der Stunde. Insbesondere die Automatisierung von Dienst­leistungen steht im Fokus der Aufmerksamkeit. Was sind Ihrer Meinung nach die gravierendsten Veränderungen, die in den kommenden Jahren auf uns zukommen werden?

Ich bin nach zehn Jahren wieder zurück in der IT-Branche und habe das Gefühl, dass die Digitalisierung aktueller denn je ist. Wenn Sie mich fragen, was die großen Themen sind, die jetzt – für uns, unsere Kunden und damit auch für die Finance-Organisation – kommen werden, dann sind das für mich zu allererst „Cloud“ und „künstliche Intelligenz“. Beide kommen Hand in Hand, weil die künstliche Intelligenz auch erst durch die Cloud – dh durch das Datenvolumen, das in der Form zu verarbeiten ist – tatsächlich intelligent wird. Ich glaube, das ist das Thema, bei dem wir als Unternehmen ein großes Momentum sehen. Wir sehen aber auch, wie viel Transformation derzeit am Markt passiert, wie viele Geschäftsmodelle transformiert werden. Insofern denke ich, dass die digitale Transformation relevanter denn je ist. Auch wenn wir der Meinung sind, dass sich schon viel getan hat: Der Weg, der noch zu beschreiten, ist durchaus mannigfaltiger und größer.

Um das aus vier Bereichen zu beleuchten: Einer der Bereiche sind die vielen Start-ups, die heute in diversen Branchen nur so heraussprießen und die Geschäftsmodelle der großen, etablierten Unternehmen in Frage stellen. Das ist einerseits eine Bedrohung, andererseits aber auch eine Chance, weil jedes Unternehmen genau die gleichen Möglichkeiten hat, sich damit auseinanderzusetzen und zu überlegen: Wie kann ich dadurch mein eigenes Geschäftsmodell weiterentwickeln? Plötzlich gibt es intelligente Produkte, die auf den Markt kommen oder darüber hinaus neue Märkte erschließen.

Der zweite Bereich, in dem sich sehr viel verändern wird, ist der Bereich der Zusammenarbeit und Kollaboration. Auch hier hat sich bereits sehr viel getan, von den technischen Möglichkeiten bis hin zu den Mitarbeitern. In diesem Zusammenhang sprechen wir oft von der „Generation Y“ und den Anforderungen, die diese stellt. Es bieten sich neue Möglichkeiten in anderer Form, etwa standortunabhängig zusammenzuarbeiten. Teilzeitmodelle können anders realisiert werden. Als Unternehmen kann ganz anders darüber nachgedacht werden, woher das beste Talent in die richtige Funktion kommt. Das ist ein Bereich, der sehr bedeutend wird. Um Ihre Frage noch einmal für den Bereich Finance zu konkretisieren: Auch dort hat sich sehr viel getan, etwa im Bereich der Business Intelligence. Bei Microsoft steht das Thema „Power BI“, worunter im Prinzip eine Plattform zu verstehen ist, hoch im Kurs. Durch diese Plattform werden Daten, mit denen zB auch schon in Excel gearbeitet wurde, weiterverarbeitet, visualisiert und ausge­wertet. Damit muss sich auch die Finanzfunktion ganz neu auseinandersetzen.

Ich möchte einen Schritt weitergehen: zum Thema Operations bzw Optimierung der Operations-Prozesse. Dieses Thema stand schon in den letzten Jahren sehr stark im Fokus, aber auch hier wird es konsequente Veränderungen geben, weil sich deutlich mehr Möglichkeiten ergeben werden, Prozesse effizienter zu gestalten. Nicht zuletzt gilt es auch die Frage, wie die Interaktion mit dem Kunden in Zukunft ablaufen wird, zu beachten. Um in diesem Zusammenhang nur ein Schlagwort zu nennen: Social Selling. Auch eine Sales-Organisation muss ganz anders darüber denken, was ihr Selbstverständnis ist und wie sie zusammenarbeiten möchte.

 

Auf den Finanzbereich heruntergebrochen: Welche Bedeutung hat die digitale Transformation für den Finanzbereich als Organisation? Sie haben erwähnt, dass etwa „Power BI“ als Datenplattform neue Möglichkeiten eröffnet. Wie sehen Sie das in Bezug auf Automatisierung und künstliche Intelligenz?

Für mich spielt die Finanz­organisation eine maßgebliche Rolle im Strategieprozess. Sie muss den Strategieprozess im Unternehmen vorantreiben. Das ist insofern wichtig, als sich Geschäftsmodelle verändern, Bedrohungen aufkommen und neue Möglichkeiten entstehen. Hier haben der CFO und die Finanz­organisation die große Möglichkeit, die Organisation zu beeinflussen, ja diese Risiken und Potenziale überhaupt zu analysieren und zu benennen. So können dann auch Entscheidungen eingefordert werden, um die strategische Ausrichtung anzupassen.

Für die Finanzfunktion bedeutet dass, dass sie lernen muss, mit den digitalen Möglichkeiten ganz anders umzugehen. Um das beispielhaft darzustellen: Ich höre immer noch davon, dass Budgetplanungen in Unternehmen bedeuten, dass es sehr dicke Bücher gibt. Wir leben heute in einer Welt, in der es für Unternehmen, die richtig ausgerichtet sind und die Finanzfunktion gut aufgestellt haben, möglich ist, diese Daten unmittelbar verfügbar zu haben und eine Ad-hoc-Sichtbarkeit zu schaffen. Trends können mittlerweile über Monate und Jahre hinweg ad hoc analysiert werden. Für mich ist das ein Stück weit ein Analyseinstrument, mit dem die richtigen Aktivitäten im Unternehmen vorangetrieben werden können. Ich denke, sich damit auseinanderzusetzen, sollte auf der CFO-Agenda sehr weit oben stehen. Dann hat man die richtigen Voraussetzungen geschaffen. Der CFO darf sich nicht damit begnügen, darauf zu warten, dass ihm die IT Lösungen präsentiert. Er muss sich ganz fundamental mit dem Thema auseinandersetzen, um zu verstehen, was er denn gerne hätte.

Bei Microsoft läuft heute im Hintergrund des Forecast-Prozesses die künstliche Intelligenz mit. Als CFO sehe ich mir an, was die künstliche Intelligenz zum Forecast sagt und warum ich denke, dass ich davon abweichen sollte. Interessant ist dabei, dass die „Predictability“ dieser Algorithmen heute schon unheimlich hoch ist und aufgrund von weiter hinzukommenden Daten auch immer besser wird. Je länger man das konsequent umsetzt, desto mehr muss darüber nachgedacht werden, worin die Wertschöpfung einer Finanz­organisation in Zukunft liegt. Das, wofür sie heute steht, also Daten überhaupt sichtbar zu machen, Trends zu erkennen usw, sind jene Bereiche, in denen die Finanzfunktion in Zukunft mit den Tools der künstlichen Intelligenz zusammenarbeiten wird müssen. Dies, um noch schneller Erkenntnisse zu gewinnen. Vor allem wird die Finanz­organisation in ihrem Selbstverständnis noch viel stärker als Kommunikator innerhalb der Organisation auftreten müssen.

 

Welche Voraussetzungen stellt das an die Finanz­organisation? Wie schaffen die Finanz­organisation und der CFO diese Voraussetzungen? Die Tools sind ja nur ein Teil: Wie sieht das organisatorisch aus?

Sie sprechen damit die Organisationsentwicklung an: Ich denke, diese muss heute, und das gilt nicht nur für die Finanzfunktion, sondern gleichermaßen auch für anderen Funktionen und deren Bereiche, vorausschauend angetrieben werden. Wir haben die Verantwortung, die Mitarbeiter zu trainieren. An vielen Stellen sind es die Mitarbeiter – gerade die jüngeren – die eine Chance darstellen, die neuen Technologien schneller ins Unternehmen zu bringen. Wir haben eine umgekehrte Pyramide: Je jünger die Mitarbeiter sind, desto mehr Erfahrung haben sie im Umgang mit neuen Technologien. Je älter die Mitarbeiter in der Organisation sind, desto weniger Berührungspunkte hatten sie mit diesen. Ich denke, das ergibt eine Möglichkeit: Man muss mit den richtigen Mitarbeitern eine Plattform schaffen und diese weiterentwickeln.

 

Welche Erfahrungen konnten Sie bisher mit Cortana sammeln können, etwa beim Forecast?

Ich muss Ihnen eine zweigeteilte Antwort geben, weil meine Erfahrungen aufgrund der kurzen Zeit, die ich in meiner Rolle bisher verbracht habe, relativ gering sind. Das, was ich bisher gesehen und die Perspektive, die ich bekommen habe, ist, dass wir diese Tools in einer großen Skalierung schon sehr erfolgreich einsetzen. Sie liefern uns tatsächlich einen Mehrwert. Gerade wenn ich über Forecast-Prozesse nachdenke, möchte ich ein gutes Verständnis davon haben, was der aktuelle Status quo ist. Schließlich ist da noch die Neutralität. Dort haben wir in der Predictability, die uns die künstliche Intelligent liefert, sehr gute Ergebnisse. Am Ende geht es ja darum, dass ich ein zuverlässiges Forecasting habe, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Als Business Partner beeinflusse ich, muss ich die richtigen Schlüsse ziehen. Es wird spannend, wohin der Weg gehen und was alles technisch möglich sein wird. Noch spannender ist, sich anzusehen, wie breit die „Adoption“ dessen sein wird. Azure, die Plattform, die wir anbieten, ist eine Plattform, die allen Unternehmen zur Verfügung steht und damit die Möglichkeit bietet, an verschiedensten Stellen genutzt zu werden. Auch für Bereiche, die wir als Microsoft heute vielleicht noch gar nicht als Einsatzbereich nützen. Spannend wird auch sein, wie breit die „Adoption“ sein, in wie vielen Finanz­organisationen dieses Tool zum Einsatz kommen und einen Mehrwert liefern wird.

 

Hat der Finanzbereich Ihrer Meinung nach eine koordinierende und zusammenführende Funktion?

Das ist eine spannende Frage, weil es zwei Aspekte gibt: Das eine ist die Frage des Ownerships innerhalb der Organisation. Soll die Finanz­organisation plötzlich die Datenhoheit haben? Das würde ich nicht sofort bejahen, weil es genügend Bereiche im Unternehmen gibt, an denen Daten anfallen bzw immer mehr Daten anfallen werden. In diesem Zusammenhang müssen im Unternehmen über alle Bereiche hinweg noch die richtigen Expertisen aufgebaut werden.

Die Expertise benötige ich unabhängig davon, ob ich Maschinendaten in einem Werk auswerten und daraus die richtigen Erkenntnisse gewinnen möchte bzw ob ich mir Trends im Marketing oder Trends in meinen Finanzkennzahlen ansehen möchte. Daher lautet die Antwort auf Ihre Frage, ob die Finanz­organisation eine koordinierende Rolle für alle haben sollte: Nein.

Der CFO, an den häufig auch die IT-Organisation berichtet, hat durchaus sicherzustellen, dass diese Expertise vorhanden ist. Wenn in einem Unternehmen technische Fähigkeiten nicht mit der richtigen Konsequenz eingeführt werden, kann die Erwartungshaltung nicht sein, dass über die Bereiche hinweg richtig damit umgegangen wird. Insofern bedarf es eines hohen Maßes an Stringenz und Weitblick. Und im ersten Schritt denke ich auch an die Auseinandersetzung mit der Frage: Bin ich als CFO überhaupt derjenige, der verantwortlich ist? Ja, ich denke aber nicht, dass das überall so gesehen wird.

 

Sie kommen aus dem Bereich „Fast Moving Consumer Goods“ und führen nun die Finanzabteilung eines Technologie­unternehmens, dass sein Geschäftsmodell in den letzten Jahren radikal verändert hat. Wo ist die Transformation stärker spürbar?

Ich war schon in der Vergangenheit in dieser Branche tätig und bin wieder zurückgekommen. Das war durchaus eine bewusste Entscheidung. Was mich an der IT-Branche wirklich fasziniert, ist die digitale Transformation. Das ist eine riesige Veränderung an sich, die durch Microsoft auch maßgeblich vorangetrieben wird. Microsoft ist ein Agent dieses Wandels, der am Ende viele betrifft, mit allen Chancen und Risiken, die sich dadurch ergeben.

Ich finde es auch sehr spannend, was Microsoft selbst daraus macht: Es ist ja nicht so, dass wir diese Änderung nur vorantreiben, ohne selbst von ihr betroffen zu sein. Ich finde es bemerkens­wert, wie unser CEO diesen Umbruch vollzogen und konsequent seine Vision der Zukunft des Unternehmens entwickelt hat, nämlich dass unsere Kunden Lösungen über Services angeboten bekommen. Mit der gleichen Konsequenz wurde das alte Geschäftsmodell, das ein lizenzgetriebenes Modell war, aufgebrochen. Das ist eine Transformation, bei der wir an vielen Stellen die Indikation haben, wie erfolgreich sie verläuft.

Die Branche der „Fast Moving Consumer Goods“ ist meines Erachtens eine durch die Transformation getriebene Branche. Der Handel muss sich aufgrund dieser Transformation vollkommen neu erfinden und auch neue Lösungen sowie funktionierende Geschäftsmodelle für die Zukunft finden. Wie sieht digitale, stationäre, kombinierte Zukunft aus? Stichwort: Hybrid oder Omnichannel? Damit ergeben sich kurz­fristig Chancen und Risiken. Chancen ergeben sich insofern, als neue Absatzkanäle erschlossen und entwickelt sowie die Konsumenten auf eine andere Art und Weise angesprochen werden können. Auch in diesem Bereich wird die Frage, wie mit der Digitalisierung in den nächsten Jahren umgegangen wird, von zentraler Bedeutung sein.

 

Was sind Ihre Ziele als CFO von Microsoft Österreich?

Die Digitalisierung steht für uns weiterhin im Mittelpunkt. Viele Wege wurden schon beschritten, es gibt aber noch viele mehr, die erst zu gehen sind. Wir haben uns das Motto „Wir digitalisieren Österreich!“ auf die Fahne geschrieben und werden das auch konsequent weiterverfolgen. Die Anwendungen der Zukunft – sei es die bereits angesprochene Plattform Azure, der moderne Arbeitsplatz über Office 365 oder die Zusammenarbeit mit den Kunden über unsere CRM-Lösung Dynamics – stehen deutlich im Mittelpunkt unserer Bemühungen. Für mich als CFO steht dabei zudem der Kunde im Mittelpunkt der Anstrengungen. Wir sind daran interessiert, dass der Kunde mit unseren Lösungen erfolgreich ist, gerade in diesem Umfeld der Transformation. Wir möchten ihm als Partner helfen, die richtigen Business-Lösungen zu finden. Ich denke, unser Produktportfolio ist hervorragend. Wir sehen in vielen Bereichen und Unternehmen, wie erfolgreich unsere Produkte eingesetzt werden können. Diesen Weg möchten wir konsequent weitergehen.


 

Nikolai Rizzo (geboren 1982 in Wangen, Deutschland) übernahm im Herbst 2017 die Position des CFO bei Microsoft Österreich. Der 35-jährige Deutsch-Franzose bringt über zehn Jahre internationale Erfahrung im Finanzbereich mit. Rizzo war in unterschiedlichen Rollen im DACH-Raum tätig, zuletzt als CFO bei Procter Gamble Österreich. Bevor er seine Expertise bei Microsoft einbrachte, sammelte er umfassende Erfahrungen in Finance und Accounting bei Procter Gamble, wo er ua für Marken wie Gillette und Wella arbeitete. Der zweifache Vater hat einen MSc. in Management der ESCP Europe Business School in Paris, London und Berlin abgeschlossen und zuvor ein Vordiplom in Volkswirtschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg absolviert.

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