Was ist der Life Cycle Costing?

Stellen Sie sich vor, Sie haben an dieser Stelle vor einiger Zeit den Artikel zu „Circular Economy“ gelesen und beschlossen, die Inhalte gleich in Ihrem Produktions­unternehmen umzusetzen. Sie betrachten daher die Produkte über deren gesamten Lebenszyklus, von der FE bis hin zur Entsorgung. Wäre das Zusammentragen dieser Daten nicht schon schwierig genug, so stehen Sie bald vor einer nächsten Hürde: Was kostet ein Produkt, wenn es über den ganzen Lebenszyklus betrachtet wird? Ihr Kostenrechner kann Ihnen dazu leider keine Auskünfte geben, weil seine Rechenmodelle immer nur von Jahr zu Jahr reichen …

Die Lebenszyklus-Kosten­rechnung (Life Cycle Costing – LCC) strebt an, die gesamten Kosten eines Produkts über dessen gesamten Lebenszyklus – von der Wiege bis zur Bahre – zu erfassen und anteilig dem einzelnen Produkt zuzurechnen. Sie unterscheidet sich damit grundlegend von der klassischen Kosten­rechnung, die eine Perioden­rechnung ist und versucht, die Kosten eines Jahres auf die verkauften Produkte dieses Jahres zu verteilen. Die Lebenszyklus-Kosten­rechnung gewinnt durch die Trends einer erweiterten Produktverantwortung bis zur Entsorgung, durch immer aufwändigere Entwicklungszeiten und durch den Bedarf der Kunden zu Total-Cost-of-Ownership-Konzepten wieder an Bedeutung.

Die Idee von LCC ist zunächst einfach. Es werden alle Kosten ab der Entwicklung bis zur finalen Entsorgung der gesamten Produktreihe erfasst und durch eine Divisionskalkulation auf alle jemals erzeugten Produkte der Reihe verteilt. Die Kosten, die vor der Leistungser­stellung oder Produktion anfallen, werden Vorlauf­kosten genannt, die danach anfallenden Kosten Nachlauf­kosten. Zu den Vorlauf­kosten zählen die Kosten der FE, der Prototypen, der Marktforschung und Markteinführung, aber auch der Produktionsvorbereitung (zB Umrüstung) und von Schulungen. Die Kosten der Leistungser­stellung entsprechen jenen der klassischen Kosten­rechnung, wobei die verursachungsge­recht zurechenbaren Kosten im Vordergrund stehen. Die Nachlauf­kosten werden zu einem großen Teil in den vorausgehenden Phasen festgelegt und umfassen Rückruf-, Garantie- und Entsorgungs­kosten, die Kosten für den Abbau von Rückständen oder Produktionsanlagen sowie etwaige Recycling­kosten.

Analyse der Kostenphasen

Sollte es gelingen, die Kosten der Vor-, Produktions- und Nachlaufphase zu ermitteln, können bereits mit dieser Information weitreichende Analysen durchgeführt werden. Die Kosten der Produktion, vor allem aber der Nachlaufphase, werden nämlich vorrangig durch die Kosten der Vorlaufphase bestimmt – im Design des Produkts liegt bereits der Kostentreiber für die nachfolgenden Kosten. Eine Faustregel besagt, dass eine 1-€-Entscheidung in der Vorlaufphase zu 10 € Kostendifferenz in der Nachlaufphase führt. Eine gezielte Betrachtung der Kosten über den gesamten Lebenszyklus erlaubt daher frühzeitig, Kostenallokations­entscheidungen zu treffen und Kosten zwischen den Phasen zu verschieben, um insgesamt ein Kostenminimum zu erreichen.

Zuteilung der Kosten

Wie immer in der Kosten­rechnung ist das eigentliche Kernproblem die Kostenallokation, dh die Ermittlung der relevanten Kosten und die Verteilung dieser auf die einzelnen Produkte. In der LCC werden die verursachungsge­recht zurechenbaren Kosten herausgeschält. Diese sind, anders als die Einzel­kosten, nicht einem einzelnen Produkt, sondern der gesamten Produktreihe zurechenbar. Die LCC steht daher zwischen Voll- und Teilkosten­rechnung, weil einerseits fixe Kosten auf die Produkte verrechnet werden, diese fixen Kosten aber aufgrund der langen Betrachtungszeiträume bezogen auf die gesamte Produktreihe abbaubar sind. Andererseits werden in der klassischen LCC keine produktreihenunabhängigen Gemein­kosten (zB Verwaltungsaufschläge aus dem Gesamt­unternehmen) verrechnet. Das Ergebnis der LCC sind daher nicht die vollen Produkt­kosten, sondern die verursachungsge­rechten Teilkosten des gesamten Lebenszyklus. Will man von diesem Ergebnis auf die Preise schließen, so sind anteilige Overheads aufzuschlagen.

Praktische Hürden

Von den vielen praktischen Problemen der LCC seien zwei herausgegriffen. Gerade in Hightech­unternehmen (zB Pharma) führen nicht alle FE-Ausgaben zu erfolgreichen Produkten. Soll man also nur die FE-Ausgaben des erfolgreichen Produkts seinen Lifecycle-Kosten zurechnen, oder profitiert jedes erfolgreiche Produkt nicht auch von den vielen fehlgeschlagenen Versuchen?

Ein weiteres Problem ist die Verteilung der Lifecycle-Kosten auf das einzelne Produkt. Eine einfache Division wird nur in den seltensten Fällen möglich sein, weil jedes Produkt über den Zeitlauf zahlreiche Modifikationen und Varianten erfährt. Wie geht man mit diesen Unterschieden bei der gerechten Kostenzuteilung um? Eine pragmatische Lösung ist, auf die Zuteilung überhaupt zu verzichten und nur die gesamten Lifecycle-Kosten zu betrachten. Wie so oft in der Kosten­rechnung wird man bei der Lösung dieser Probleme auf die Frage zurückgeworfen, was man eigentlich mit den Informationen entscheiden möchte.

Dynamisch ist besser

Spätestens jetzt wird klar, dass die Kosten­rechnung vielleicht nicht das beste Tool für die LCC ist. Immerhin rechnen wir über lange Zeiträume, und dafür gibt es eine Investitions­rechnung, die richtigerweise abzinst. Eine LCC-Investitions­rechnung stellt alle Cashflows der Produktreihe dar und errechnet, zu welchem Mindestpreis des Produkts der WACC als interner Zinssatz erreicht wird. Dieser Mindestpreis stellt zugleich die Produkt­kosten dar. Es bleibt dabei allerdings auch hier das Problem, welche Cashflows dem Produkt zugerechnet werden und welche Aussage die Rechnung daher erlaubt.

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