Social Business als gesellschaftlicher Mehrwert

Alexander Bodmann, Geschäftsführer der Caritas der Erzdiözese Wien, im Gespräch

Beginnen wir beim Thema der sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen und Veränderungen: Veränderungen sind systemische Energien, die nicht nur intern auf Organisationen und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirken, sondern darüber hinaus. Wie gehen Sie mit so einer Dynamik konstruktiv um?

Wir leben in verrückten Zeiten. Viele Menschen in Europa spüren, dass jede und jeder Einzelne gefordert ist. Und zwar dort, wo man gerade ist. Wenn der Weg steiler wird, müssen wir mehr zusammenstehen. Auch bei uns innerhalb der Organisation waren alle Führungskräfte in irgendeiner Form in die neue Situation involviert. Das ist eigentlich ein wunderbares Erlebnis. Es ist fast ein Wunder, was alles passiert ist in den vergangenen Wochen und was alles möglich wird, wenn man gemeinsam auf ein Ziel hinarbeitet und dabei Fehler verzeiht. Ich spreche von so plastischen Zielen wie zB, dass eine Mutter wieder mit ihrem gerade verlorenen Kind zusammenkommt, oder von einem Kind, das sich unglaublich freut, dass es wieder Schuhe anhat, oder über Flüchtlinge, die sich bedanken und sagen: „Danke Österreich, dass ihr uns so willkommen heißt. Ihr seid die ersten auf unserer Fluchtroute, die Willkommen sagen.“ Kleine und große Wunder sind möglich. Man braucht gar nicht daran zu glauben, man sieht sie täglich an Bahnhöfen und anderen Orten in Österreich. Ich bin so froh, in dieser Situation in Österreich zu leben, weil hier sichtbar wird, wie viel möglich ist. Auch in Österreich haben wir Polarisierung, das ist klar, aber wir zeigen gleichzeitig, dass viele Menschen ihr Herz öffnen können und dies auch wollen und tun. Auf Ihre Frage, wie wir konstruktiv damit umgehen: Wir versuchen, das Herzens­gute im Menschen zu sehen, aufzugreifen und zu fördern.

 

Mit magdas führt die Caritas ein Social Business in den Bereichen Hotellerie, Gastronomie, Recycling, Handel und Facility Management. Social Business ist ein wirtschaftliches Konzept, das oft auf den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus zurückgeführt wird. In dem Bereich tätige Unternehmen sollen soziale und ökologische Probleme lösen. Welche Erfahrungen haben Sie bisher damit gemacht?

Ich habe viele überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Bei magdas Hotel werden diese besonders spürbar. Wir haben sehr viel internationale Aufmerksamkeit für dieses Hotel erhalten: CNN, Al Jazeera und Journalisten aus vielen europäischen Ländern waren da. Magdas ist eine Antwort auf die Frage, wie wir mit Herausforderungen wie Armut und Flüchtlingen umgehen. Wie kann man das konstruktiv angehen? Jetzt ist das Fluchtthema hochaktuell, für uns war es das aber auch schon vor einem Jahr. Das Hotel hat eine Lösung gezeigt, wie mit dem Thema umgegangen werden kann. Ich möchte darauf hinweisen, dass es nur ein Leuchtturmprojekt ist, das nur ca 20 Menschen betrifft, die dort beschäftigt sind. Eines der Ziele ist, Antworten aufzuzeigen. Aber man muss dafür auch ein Risiko eingehen.

Bisher gibt es noch zu wenig Wirtschaftstreibende, die dieses Risiko eingehen wollen. Viele erwarten sich denselben wirtschaftlichen Profit. Unser Herangehen war aber, mögliche Gewinn­ausschüttungen in unserem Social-Business-Modell zu begrenzen, und damit haben wir offenbar viele Wirtschaftstreibende abgeschreckt, sich an dem Projekt zu beteiligen. Ich wünsche mir Wirtschaftstreibende, die sich auch mit einem kleineren Gewinn zufrieden geben und trotzdem das Risiko eines Social Business eingehen. Aber wir glauben fest daran, dass es im Prinzip keinen Widerspruch darstellt, wirtschaftlich sinnvoll und sozial zu handeln. Die Kreativität und Einsatzbereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigt man für ein funktionierendes Unternehmen sowieso immer. Wenn man es klug anstellt, können Menschen mit Vermittlungshindernis so produktiv eingesetzt werden, dass es auch zu einem wirtschaftlichen Erfolg führt.

 

Welche sozialen Herausforderungen stellen sich durch die Geschäftsfelder von magdas?

Man hat dieselben sozialen Herausforderungen, die sich bei allen divergenten Mitarbeitergruppen ergeben. Durch verschiedene Kulturen, Altersgruppen und Backgrounds ergeben sich unterschiedliche Potenziale, aber auch Konfliktpotenziale. Wir müssen mit Unternehmen konkurrieren, die sich diesen Herausforderungen nicht in demselben Maße stellen. Gleichzeitig ist die soziale Herausforderung aber auch ein Potenzial, zB haben wir durch die vielen Sprachen, die die Flüchtlinge können, einen Wettbewerbsvorteil. In unserem magdas Hotel werden 21 Sprachen gesprochen. Ich glaube nicht, dass es viele andere Hotels gibt, die dies für ihre Hotelgäste zur Verfügung stellen können. Gleichzeitig sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Teil schlechter ausgebildet als üblicherweise in einem Hotel oder haben unterschiedliche kulturelle Backgrounds, bei denen man einfach mehr Einschulungs-, Fort- und Ausbildungszeit braucht. In diesem Spannungsfeld zwischen den Potenzialen, aber auch den Nachteilen agieren wir. Natürlich versuchen wir, die Potenziale möglichst gut zu nutzen.

 

Sie haben vorhin die Schwierigkeit angesprochen, geeignete Investoren und Miteigentümer zu finden. Was sind die sonstigen wirtschaftlichen Herausforderungen, die sich durch ein Social Business ergeben?

Die wirtschaftliche Herausforderung ist, die erhöhten Fort- und Ausbildungsbedürfnisse decken zu können. Dies gelingt noch nicht ausreichend, muss man ganz ehrlich sagen. Das Ziel ist, die Gewinne, die nicht ausgeschüttet werden, im Unternehmen dafür zu verwenden, die Unterschiedlichkeit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einem Erfolgs­faktor zu machen.

 

Welche Perspektiven sehen Sie durch Social Business, auch im Hinblick auf die derzeitigen Migrationsströme? Sehen Sie das auch als zukunftsträchtiges Geschäftsmodell oder als Anreiz, das Wirtschaftssystem zu ändern?

Wenn man sehr idealistisch denkt, ja. Ich bin sowieso der Überzeugung, dass eine unendliche Gewinn­ausschüttung letztlich nicht sozial nachhaltig – und auch nicht nachhaltig für ein Wirtschaftssystem – ist. Wenn das ausschließliche Ziel nur die Maximierung der Gewinne ist, dann ist das vielleicht kurz­fristig für einige sinnvoll, aber sicher nicht für die Gesellschaft als Gesamtes. Deswegen sehe ich das Social Business, bei dem es durchaus – begrenzt – Gewinn­ausschüttungen geben darf, als gute Antwort darauf. Die Caritas ist in ihrer Tradition gemeinnützig und wirtschaftet ja auch, wenn sie ein Pflegeheim betreibt, oder mit Carla, wo Sachspenden wie etwa Möbel und Kleidung angenommen und wieder verkauft werden. Das ist auch eine Form von Social Business.

Social Business ist darüber hinaus ganz sicher eine Antwort auf die Menschen, die jetzt zu uns kommen. Wir sprechen heute oft von Herausforderungen, wie wir Unterbringung und Integration schaffen. Man darf diese Herausforderungen nicht leugnen, aber gleichzeitig bringen diese Menschen auch viele Chancen mit, die es zu nutzen gilt. Viel Kreativität und viele unterschiedliche Ideen, wie wirtschaften funktioniert, können gesellschaftlich auch einen Mehrwert haben. Social Business ist ein Modell, das dazu beitragen kann, sich darauf einzulassen. Ob es gelingt, werden wir sehen, aber ich würde es mir wünschen. Wir wollen unsere Erfahrungen teilen, damit andere vielleicht den einen oder anderen negativen Weg nicht gehen müssen. Weil Sie von Migrationsströmen sprechen: In Senioren- und Pflegehäusern haben zwei Drittel unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Migrationshintergrund. Letztlich profitieren wir alle davon, dass diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier sind. Dort ist es zu großen Teilen schon gelungen, die Migration zugunsten der pflegebedürftigen Menschen und der Organisationen zu nutzen. Warum soll das bei den Menschen, die jetzt zu uns kommen, nicht gelingen?

 


Mag. Alexander Bodmann wurde 1972 in Wien geboren und hat Betriebswirtschaft an der WU Wien mit Schwerpunkt Controlling studiert. Seine Tätigkeit für die Caritas begann 1997 als Zivildiener im Haus Miriam, einer Obdachloseneinrichtung für Frauen in psychischen und sozialen Notsituationen. Danach war er in mehreren verschiedenen Aufgabenbereichen innerhalb der Caritas tätig. 2004 übernahm er die Leitung des Bereichs Betreuen und Pflegen zu Hause. Seit Mai 2007 ist Alexander Bodmann Geschäftsführer der Caritas der Erzdiözese Wien.

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