Literaturtipp: Konfuzius und der starke Staat

Herausforderung China – das Psychogramm einer rätselhaften Großmacht. Ein Blick in „Die Chinesen – Psychogramm einer Weltmacht“ von Stefan und Guangyan Yin-Baron.


„Ja, und da ist auch noch die Situation in China …“. Kaum eine Konjunkturprognose der einschlägigen Wirtschaftsweisen kommt mehr aus ohne Bezug auf die ökonomische Entwicklung in China. Doch wie bei keiner anderen wirtschaftlichen Großmacht liegen (meist negative) Vorhersage und Wirklichkeit regelmäßig daneben. Wie oft wurde das kurz bevorstehende Platzen der chinesischen Immobilienblase, der reihenweise Bankrott maroder Staatsbetriebe oder eine gar Implosion des chinesischen Bankensektors nicht schon herbeibeschworen (oder sogar herbeigewünscht)? Doch nichts von alldem ist bisher eingetreten. Im Gegenteil. Sämtliche Wirtschaftskrisen dieses noch jungen Jahrtausends nahmen ihren Ausgang im Westen – Stichwort Dotcom-Blase, Staatsschuldenkrise, US-Immobiliencrash und so weiter. Dagegen nimmt sich China geradezu als Hort von Stabilität und Ordnung aus.

Unter dem simpel klingenden Titel „Die Chinesen – Psychogramm einer Weltmacht“ unternehmen Stefan Baron, Journalist und langjähriger Chefredakteur der WirtschaftsWoche, und seine aus China stammende Frau Guangyan Yin-Baron den Versuch einer fundierten Analyse der geschichtlichen, philosophischen und gesellschaftlichen Entwicklung Chinas bis zur Jetztzeit. Auf dieser Grundlage werden in weiterer Folge auch die ökonomischen und politischen Ambitionen der Großmacht China in ein neues, den herrschenden westlichen Bedrohungsszenarien deutlich entgegen­gesetztes Licht gerückt.

Zunächst räumt das Autoren-Ehepaar gleich mit ein paar westlichen Überlegenheitsphantasien auf. Viele der hierzulande dem abendländischen Genie zugeschriebenen Errungenschaften, vom Papier über Buchdruck, Uhr, Schwarzpulver und Papiergeld bis hin zum Hochofen und dem Dezimalsystem, wurden – richtig ! – in Wirklichkeit bereits etliche Jahrhunderte zuvor schon in China erfunden. Dieser frühe zivilisatorische Fortschritt ging einher mit großen geistesgeschichtlichen Errungenschaften, insbesondere dem Konfuzianismus und dem Taoismus. Der Rückstand gegenüber dem sich industrialisierenden Westen setzte im frühen 19. Jahrhundert ein, als die Kolonialmächte England und Frankreich die Schwäche der marode und dekadent gewordenen chinesischen Dynastien ausnützten, verschiedene Kriege anzettelten und in weiterer Folge große Teile Chinas verarmten. Erst die kommunistische Revolution unter Mao Zedong und die Ausrufung der Volksrepublik im Jahr 1949 führen erneut zu stabilen, wenn auch repressiven Herrschafts­verhältnissen. Die Erinnerung an die einstige Größe und die nachfolgenden Demütigungen durch die europäischen Kolonialherren haben sich, so die Autoren, tief in das kollektive chinesische Bewusstsein eingeprägt und wirken noch bis heute nach.

Ein Blick in „Die Chinesen – Psychogramm einer Weltmacht“ von Stefan und Guangyan Yin-Baron.

Ein Blick in „Die Chinesen – Psychogramm einer Weltmacht“ von Stefan und Guangyan Yin-Baron.

Überlieferungen, Religion, Philosophie und insbesondere Sprache bilden die Kernelemente jeder Zivilisation. Gerade hier beginnen die Hauptschwierigkeiten auf dem Weg zu einem besseren Verständnis der chinesischen Kultur. Am augenfälligsten wird dies beim Erlernen der chinesischen Sprache, die wie kaum ein anderes Idiom schon im frühesten Kindesalter ein überaus großes Maß an Disziplin, geistiger Kraftanstrengung und Frustrationstoleranz erfordert. Neurowissenschaftler haben bei Chinesen sogar andere Hirnstrukturen nachgewiesen als bei Kaukasiern – wohl eine Folge unterschiedlicher Kultur und Erfahrung. Dem westlichen Denken in Logik und Kausalität steht die chinesische Wahrheitssuche im konkreten Kontext sowie in der wechselseitigen Beziehung von Menschen und Dingen gegenüber. Diese auch vom Konfuzianismus geleitete Denkweise ist subjektiv, intuitiv und dialektisch und kommt weitgehend ohne formale Logik aus. Demnach gibt es weder nur eine Wahrheit noch ewige Gewissheiten, sondern nur situative und relative Wahrheiten.

Nicht weniger stark zeigen sich die kulturellen Unterschiede in den jeweiligen Ansichten über Moral und Gesellschaft. Die konfuzianische Morallehre kennt keine göttlichen Gebote, ist also weder religiös noch metaphysisch verankert und verspricht somit auch keine Belohnung im Jenseits. Sie ist ganz diesseitig und soll, so die Autoren, „dem Menschen nicht dabei helfen, ins Paradies zu gelangen, sondern ein harmonisches Zusammenleben auf Erden ermöglichen“. Folgerichtig stehen denn auch in China zuallererst die Beziehungen zur eigenen Familie und zum engsten gesellschaftlichen Umfeld im Vordergrund. Vertrauen und Freundschaft sind hohe Güter und stehen oft komplementär zu Gesetzen und Gemeinwohl.

Ein großes Bedürfnis nach Stabilität und Ordnung, gepa­art mit Pragmatismus und autoritärem Staats­kapitalismus – dies alles ergibt ideale Voraussetzungen für eine florierende Volkswirtschaft. Und tatsächlich hat sich China nach den unter Deng Xiaoping in den 1980er-Jahren eingeleiteten Wirtschaftsformen zu einer ökonomischen Supermacht entwickelt. Binnen weniger Jahrzehnte hat China – trotz nach wie vor großer regionaler Unterschiede – den Sprung vom Entwicklungsland zur Industrienation geschafft. Die aktuellen Regierungspläne sehen vor, die Abhängigkeit von der Billiglohnproduktion noch mehr zu verringern, weiter in Infrastruktur und Forschung zu investieren und den Binnenkonsum als wichtigen konjunkturstabilisierenden Faktor zu etablieren. Mittlerweile existiert eine ständig wachsende Mittelschicht und China ist dem von der KP im Jahre 2017 formulierten Ziel, „ein großes, modernes, sozialistisches Land“ zu sein, „wohlhabend, stark, demokratisch, mit fortgeschrittener Kultur, harmonisch und schön“ ein großes Stück nähergekommen. Wohl auch deshalb erreicht die chinesische Regierung, so einige der in dem Buch zitierten Umfragen, immer wieder Zustimmungsraten, von denen westliche Politiker nur träumen können.

In seiner gesellschaftlichen und politischen Entwicklung straft China hingegen all jene Lügen, die mit wachsender ökonomischer Prosperität auch eine zunehmende Verwestlichung vorhergesagt haben. Die bisherigen Befunde widersprechen einer solchen kulturellen Konvergenztheorie, vielmehr scheint es so, dass der unter dem jetzigen KP-Chef Xi Jinping konsequent umgesetzte, eigenständige Weg zwischen Sino-Marxismus und Meta-Konfuzianismus von der Mehrheit der chinesischen Bevölkerung den meist US-amerikanisch inspirierten, westlichen Lebensentwürfen vorgezogen wird.

Das Buch von Stefan und Guangyan Yin-Baron räumt anhand zahlreicher Fakten mit vielen hierzulande gängigen China-Klischees und Vorurteilen auf. Gerade deshalb empfiehlt es sich als bemerkens­wertes und überaus fundiertes Kompendium, als Standardwerk und geradezu Pflichtlektüre für alle an einem besseren China-Verständnis Interessierten.


Der Artikel ist in CFO aktuell (Heft 4/2019) erschienen. Mehr Infos unter: www.cfoaktuell.at

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