Karriere im Frost

Angelika Backhausen, Finance & HR Director Iglo Austria GmbH

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KarrierestationenSeit 2014: Aufsichtsratsvorsitzende iglo Holding GmbH, iglo GmbH & Frozen Fish International GmbH.Seit November 2006: Finance & HR Director iglo Austria Gmbh.Juli 2005 bis Oktober 2006: Finance & Logistic Director Ice Cream & Frozen Food bei Unilever Austria.April 2003 bis Juni 2005: Finance, IT & Logistic Director Home & Personal Care (Non Food) bei Unilever Austria.September 2001 bis März 2003: HPCE Project Director Europe bei Unilever Europe.Unilever AustriaMärz 1989 bis August 2001: Diverse Funktionen im IT- und Finanzbereich bei Unilever.

Studienaufenthalte im Ausland sollen den Horizont erweitern, heißt es. Für Angelika Backhausen erwies sich dies bei ihrem ersten USA-Programm als nicht ganz einfach. Die junge WU-Studentin war in den späten 80ern an einem College in Ohio gelandet, „in einer winzig kleinen Stadt“, wie sie sich heute erinnert. Vor Abreise hatte jeder Teilnehmer zur Aufgabe bekommen, zwei landestypische Dinge mitzubringen. Nummer eins war leicht gefunden: Angelika Backhausen packte ihr Trachtenoutfit ein. Idee Nummer zwei kam eher aus dem kulturellen Bereich: „Ich hielt einen Kunstdruck von Egon Schiele für sehr österreichtypisch und passend,“ schmunzelt die heutige CFO und HR-Verantwortliche des Tiefkühlmarktführers Iglo Österreich.

Die Studienleitung aus dem streng konservativen Bundesstaat im Mittleren Westen waren ob der textillosen Darstellungen des 1918 verstorbenen Künstlers weniger erbaut: „Die Reaktion ging eher in Richtung ‚shocking‘. Wir durften den Schiele-Druck weder im Haus noch am Collage aufhängen“, berichtet Backhausen von nicht so fernen Horizonten im Buckeye State ( Buckeye tree = Ohio-Rosskastanie). Einige Semester später zeigte ein zweiter US-Aufenthalt in North Carolina nur minimal entferntere Tellerränder: „Die USA sind ein groß­artiges Land. Aber es gibt kulturelle Eigenheiten, die muss man erst entdecken“, bringt der Rückblick Angelika Backhausen zum Lächeln. Trotz der Erfahrungen legt Backhausen jungen Studierenden externe Semester wärmstens ans Herz: „Die Auslandsaufenthalte beschleunigen die Abnabelung und machen junge Menschen ein Stück offener für andere Lebensstile und Ideen.“

Eine Finanzkarriere stand zunächst nicht direkt in den Zukunftsplänen der jungen WU-Studentin geschrieben. Angelika Backhausen richtete ihr Studium stark auf juristische Wahlfächer aus. Und die Ausbildung öffnete Augen und Ohren für das neue Thema Elektronische Datenverarbeitung. Für Spätgeborene: So wurden während der späten 80er/frühen 90er Jahre Themen wie IT und KI benannt. Dabei war der Weg zum ersten Job als Assistent Business System Manager bei Unilever nicht stressfrei. Der Mischkonzern war in seiner damaligen Konstellation der Haus- und Hoflieferant für den fortschrittlichen Haushalt: Vom tiefgefrorenen Gemüse über Kosmetika bis zum Waschmittel produzierte das Unternehmen in den frühen 90ern so ziemlich alles für Herd, Bad und Waschküche. Backhausen beschreibt ihren ersten Arbeitsplatz als „Dolmetscher zwischen Usern und den Programmierern“. Die erste große Aufgabe bestand darin, den Rohstoffverbrauch im damaligen Unilever-Werk in Simmering von Karteiaufzeichnungen in eine elektronische Bestandsführung umzustellen.

Die Bewerbungsphase für den ersten Job war äußert spannend. Backhausen hatte kurz vor Studienende ein Seminar „Wie bewerbe ich mich richtig“ belegt. Trotz des ausstehenden Schlussexamens startete sie voll motiviert einen umfassenden Bewerbungsreigen: „Ich hatte auf einmal einen ganzen Korb voll von Bewerbungsgesprächen. Dabei sollte ich für die letzte Prüfung lernen.“ So sei das Studienende eher hektisch geworden, erinnert sie sich heute. Unilever habe ihr eine Anstellung in der EDV-Abteilung angeboten. Und so kam es auch: Nach Absolvierung ihrer letzten Prüfungen startete sie mit dem Bereich der Datenverarbeitung ins Berufsleben.

Der große Sprung

Der wichtigste Karriereschritt kam auf Angelika Backhausen mit dem Millenniumswechsel zu. Sie wurde für ein Projekt in die Europazentrale nach Brüssel berufen und ist für diese Zeit nach Brüssel Seite 218 übersiedelt. Ziel war es, klare Richtlinien für alle europäischen Schwesterfirmen bezüglich zentraler Kostenverteilung zu definieren und deren Einhalt sicherzustellen.

Danach wurde sie 2001 zur Projektverantwortlichen für ein konzernübergreifendes Projekt berufen: Unilever Europe setzte ein internationales Planungs- und Reporting Tool auf: „Da bin ich zweieinhalb Jahre durch halb Europa gereist.“ Die Idee war, durch ein einheitliches System harmonisierten Kundenhierarchien korrelierende Produktebenen gegenüberzustellen. In Zeiten von Tinder würde man sagen, „ein Match“ produzieren. Die Zentrale des Projektes war in Brüssel, wichtige Standorte waren aber auch Paris und Manchester: „Da bin ich am Montag oder Dienstag in den Flieger gestiegen und die ganze Woche nur zwischen den drei Destinationen gependelt.“

Netzwerk und Ruf von Angelika Backhausen hatten sich in diesen Vielflieger-Jahren dermaßen gefestigt, dass sie sich für höhere Weihen empfahl. 2003 wurde sie am Standort Wien Leiterin für Finance, IT und Logistics im Non-Food-Bereich: In dem Job ging es erstmals um weitreichende Managementverantwortung. Nach nur zwei Jahren kam das nächste konzerninterne Angebot: Es galt, den gleichen Job der Finanzdirektorin für den Frozen-Bereich zu übernehmen. Im Haus bedeutete dies einen gehörigen Karriereschritt. Das Frozen-Segment ( Ice Cream & Frozen Food) war deutlich größer als der Geschäftsbereich der Kosmetika und Waschmittel. Was sie noch nicht wusste: Als Herrin über die Unternehmenszahlen wurde sie wenig später wichtiger Teil eines Transformationsprozesses. Danach hieß Backhausens Arbeitgeber nicht mehr Unilever sondern Iglo.

Iss was Gscheit‘s

Kurz nach der Beförderung in den Tiefkühlbereich begann sich für Unilever das Übernahmekarussell zu drehen. Am 9. Februar 2006 gaben Unilever den Verkauf ihrer europäischen Tiefkühlmarken „Iglo“ und „Birds Eye“ bekannt. Der Bereich Tiefkühlkost wurde in Österreich in die neu gegründete Iglo Austria GmbH ausgegliedert. Schließlich wurden Iglo und Birds Eye europaweit am 28. August 2006 für 1,73 Milliarden Euro an die Private-Equity-Gesellschaft Permira verkauft, die neun Jahre später den Exit vollzog: Permira verkaufte im April 2015 Iglo für 2,6 Milliarden Euro an die amerikanische Investorengruppe Nomad Foods Limited.

In Österreich zählt Iglo mit seinem Sortiment an Gemüse, Fisch & Meeresfrüchten, Geflügel sowie Fertig­gerichten und Mehlspeisen zu den bekanntesten Marken im Lebensmittelhandel. Wer jetzt in seinem inneren Ohr „Iss was Gscheit’s“ vernimmt, versteht, was Marketing-Exzellenz bedeutet.

Für Angelika Backhausen waren die Eigentümerwechsel beruflich fordernd. Es galt, Rechnungskreise abzugrenzen, Teilbilanzen zu erstellen, das Cash-Management deutlich umfassender zu definieren und Prozesse anzupassen. Dazu kam, dass Unternehmensspaltungen jede Menge komplexer rechtlicher Fragen mit sich bringen: „Da war einiges los. Aber derartige Anforderungen gehören zur Job Description.“

Wirklich neu an der Position der Finanzdirektorin von Iglo Austria war die Agenda für Human Ressources. Angelika Backhausen war plötzlich für Personalfragen verantwortlich. Im internationalen Geschäft ist diese Funktionskombination selten: „Auf den ersten Blick wirkt dies wie ein Widerspruch“, weiß die CFO um die beiden Seelen, die in ihr wohnen. Auf der einen Seite prüft die Kostenzählerin, die sich auf Personalausgaben und Zeitaufwand konzentriert. Auf der anderen Seite steht die Mitarbeiterbetreuerin, für die eine Rekrutierung eine Investition in die Zukunft darstellt. „Ich muss ganz bewusst einmal den einen Hut und dann den anderen aufsetzen.“ Backhausen weiß, dass die Überlagerung der beiden Perspektiven einen hohen Grad an Außensicht verlangen. „Unsere Konstellation klappt nur im Zusammenspiel mit dem gesamten Managementteam.“ Wo sonst Finanz- und Personalvorstände aneinander reiben, übernehmen Geschäftsführer, Vertriebs- und Marketing-Verantwortliche die Aufgabe der „Checks and Balances“.

Digitale Weihnachtsfeier

Corona hat das Lebensmittel-Unternehmen Iglo (= holländisch für Iglu) besonders gefordert: „Die Nachfrage ist sprunghaft gestiegen.“ In der ersten Phase der Pandemie sorgten Hamsterkäufe bei haltbaren Lebensmitteln für gravierende Nachschubprobleme. Logistik und Verkauf wurden im Unternehmen stark in Anspruch genommen. Aber: „Wir waren immer lieferfähig“, ist Backhausen zufrieden. In der Produktion mussten zusätzliche Schichten gefahren werden. Und im gesamten Unternehmen gab es die große Umstellung auf Videokonferenzen: „Das fand ich anfangs sehr ermüdend. Und ich glaube, nicht nur ich.“

Heute geht sie ganz anders damit um: „Videokonferenzen sind allen in Fleisch und Blut übergegangen. Das entspannt die Situation.“ Als HR-Managerin ist Angelika Backhausen mit den Resultaten von Homeoffice und digitaler Kommunikation zufrieden. Produktivität und Arbeitsablauf hätten auch in Zeiten von Remote-Work gestimmt, „wenn auch allen die soziale Komponente abgegangen ist“. Dies machte sich spürbar, wenn es darauf ankam, gemeinsam neue Ideen zu entwickeln: „Das funktioniert von Angesicht zu Angesicht eindeutig besser.“ Homeoffice wird aber ein Teil der Iglo-Arbeitswelt bleiben: „Wir fahren heute ein 60-40 Programm.“ Mindestes 60 Prozent der Arbeitszeit ist im Büro zu leisten, bis zu 40 Prozent kann im Homeoffice verbracht werden.

Corona trug aber auch zur Erfindung der virtuellen Weihnachtsfeier bei. Was für Außenstehende eher träge wirkt, war für Angelika Backhausen überraschend unterhaltsam. Dabei wurde gemeinsam gekocht. Das Lebensmittel­unternehmen schickte Weihnachtspackerl mit den Zutaten an die Mitarbeiter und dann wurde vor dem Laptop der Kochlöffel geschwungen. Eine Kundige gab Tipps und alle gaben ihr Bestes: „Ich gebe zu: Ich war beim Kochen überfordert. Aber wir hatten alle enormen Spaß.“


Der Beitrag erschien zunächst in CFOaktuell (Heft 6/2021). Mehr Infos unter: www.cfoaktuell.at

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