E-Mail from Bosten: Raus aus der Krise!

Dr. Brigitte W. Mühlmann ist Professorin am Babson College in Babson Park, Massachusetts, USA. Sie meldet sich regelmäßig mit ihrer „E-Mail from Bosten“ und berichtet über aktuelle Geschehnisse. Dabei gelingt es ihr immer auch einen Blick über den US-amerikanischen Tellerrand zu werfen. Auch in dieser E-Mail geht es nicht nur um die Pandemie in Amerika.


Liebe Leserinnen und Leser,

einen Sommer mit traumhaftem Wetter wie heuer gab es in Boston schon lange nicht mehr. Die Hortensien blühen prächtig in Blau-, Violett- und Rosatönen zwischen ihren saftig-grünen Blättern; wohin das Auge blickt – in Parks, in Vorgärten und oft auch am Straßenrand. Die unveränderte Schönheit der Natur, die sich ganz unbeirrt von Pandemien präsentiert, wirkt beruhigend auf Menschen, die sie beachten, hat sich doch ihr Alltagsleben deutlich verändert. Bald werden jedoch – wie jedes Jahr – die bunten Blüten ihre fröhlich-leuchtenden Farben verlieren. Sie werden austrocknen und rötlichbraune Farbschattierungen annehmen. Selbst der schönste Sommer wird enden. Ich werde den langen Tagen mit lauen Abenden, dem warmen Meerwasser in Buzzards Bay und meinen Arbeitstagen auf der Terrasse unter freiem Himmel nachtrauern. Durch die Gewissheit, dass auch im kommenden Jahr wieder ein Sommer kommt, wird das Gefühl der Traurigkeit im Laufe der kommenden Monate der Vorfreude auf den nächsten Sommer weichen. Welche Phasen auch immer ich zwischen der anfänglichen Traurigkeit und der schlussendlichen Vorfreude durchlaufe; darüber habe ich mir noch niemals Gedanken gemacht, weil sie Routine für mich sind.

Anders ist das mit der COVID-Krise. Sie ist ernst; verursacht viel menschliches Leid, und ist keine Routineangelegenheit. Zum Beispiel haben im heurigen Jahr bereits mehr als 40 in den USA börsennotierte Unternehmen ihre Fortbestehensprognosen unter Bezugnahme auf COVID-19 modifiziert. Eines auf der Liste ist J. Jill mit Sitz in Massachsuetts, das als Einzelhändler für Damenbekleidung Geschäfte in Einkaufszentren sowie E-Commerce betreibt und im Vorjahr einen Umsatz von rund 700 Millionen US-Dollar erzielte. Das Unternehmen war zunächst von der Schließung von Geschäften betroffen und leidet derzeit unter einem stark reduzierten Kundenstrom. Nun warnt es, dass dies erhebliche nachteilige Auswirkungen auf die Ertragslage, den Cashflow, die Finanzlage und die Liquidität haben und dazu führen könnte, dass es seine Kreditbedingungen nicht mehr einhalten kann, wodurch die Kredite sofort fällig gestellt würden, und in weiterer Folge, Lieferanten und Pacht nicht mehr bezahlt werden können. Mittlerweile hat J. Jill Mitarbeiter entlassen und ein Insolvenz­verfahren eingeleitet.

Im Quartalsabschluss, der Ende Juli 2020 veröffentlicht wurde, beschreibt die Unternehmensleitung die folgenden Schritte, die sie unternommen hat: (1) Unbezahlter Urlaub für alle Einzelhandelsmitarbeiter bis zur Wiedereröffnung der Geschäfte am 15. Mai und eine reduzierte Wiedereröffnungsphase; (2) Kürzungen des Grundgehalts für das Führungsteam und Aussetzung der Gehaltserhöhung für Mitarbeiter in der Zentrale; (3) Verlängerung der Zahlungsbedingungen für alle Verbindlichkeiten, die nicht zur Unterstützung unseres E-Commerce-Geschäfts erforderlich sind; (4) Zurückhaltung der Pacht­zahlungen an den Einzelhandelsstandorten ab April 2020 vorbehaltlich der Besprechung mit den Vermietern; (5) Verlängerung der Zahlungs­frist an Lieferanten von Vorräten; (6) Streichung eines Katalogs; (7) Beschränkung der Investitionen in das E-Commerce-Geschäft auf die erforderlichen Website- und Unterstützungsfunktionen; und (8) Aussetzung fast aller Investitionen. Diese Schritte betreffen viele Mitarbeiter und Geschäftsp­artner von J. Jill. Für manche sind die wirtschaftlichen Folgen verheerend. Für diejenigen, die darüber mit Empathie nachdenken, können die emotionalen Folgen verheerend sein. Dazu kommen noch alle, die sich mit den COVID-19-Virus infizierten oder anderweitig erkrankten. Für sie können die gesundheitlichen Folgen verheerend sein.

Das Harvard Business Review Magazin (HBR) hat für die Titelgeschichte der aktuellen Juli/August 2020-Ausgabe einen Beitrag von David Kessler gewählt, einen Experten in der Bewältigung von Trauer, der darin seinen Rat zum Thema „Emerging From the Crisis: Helping Your Team Heal“ gibt. Kessler, der mit der Sterbeexpertin Elisabeth Kuebler-Ross in den USA zusammengearbeitet hat und mit ihr Bücher schrieb, berichtet, dass er während der Pandemie mit vielen Unternehmen gesprochen hat. Er weist darauf hin, dass jedes Unternehmen die folgenden drei Gruppen von Mitarbeitern hat: (1) Die Besorgten, die um die Welt von gestern und bereits im Vorhinein jener von morgen trauern. Unter ihnen seien Minimierer, die die Ernsthaftigkeit der Situation leugnen und nervös auf das Beste hoffen, und ihr Gegenteil, die Maximierer. (2) Die Betroffenen, die Trauma erlebt haben, weil sie entweder selber krank waren oder jemanden kennen, der krank war und sich entweder erholt hat oder sich erholen wird. (3) Die Hinterbliebenen, die einen geliebten Menschen verloren haben und um einen Tod trauern.

Kessler empfiehlt Unternehmensleitern, zu akzeptieren, dass Mitarbeiter nicht nur um gesundheitliche Verluste, sondern auch emotionale, wirtschaftliche und andere Verluste trauern. Er erklärt, dass individualisierte Unterstützung für viele Mitarbeiter hilfreich wäre. Der Grund für die von Kessler erachtete Notwendigkeit einer Anpassung für einzelne Mitarbeiter ist, dass jeder von ihnen unterschiedlich weit fortgeschritten sein kann.

Zum sinnvollen Umgang mit Verlusten, sei es ein Todesfall, plötzliche Arbeitslosigkeit oder eine andere Folge der Pandemie, hat der Theologe Granger Westberg bereits 1960 ein Modell als „Good Grief“ vorgestellt, das ein amerikanischer Klassiker wurde. Demnach durchlaufen wir nach anfänglichem Schock eine Reihe von Stadien. Dazu gehört, dass wir uns nach einer Rückkehr der alten Zeit sehnen. Nach Westberg nähern wir uns allmählich dem Ende der Trauer, wenn wir weiser und hoffnungsvoll einer neuen Zeit entgegengehen.

So long – Auf Wiedersehen – Farewell aus Boston. Ihre Brigitte Mühlmann

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