Die Rolle der Finanzfunktion in der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie

Eine empirische Untersuchung

In einer Zeit zunehmender ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Unsicherheiten wird von Organisationen immer mehr erwartet, nachhaltige Maßnahmen bezogen auf Environment, Social und Governance (ESG) in ihre Aktivitäten zu integrieren. Der Druck von Seiten der Stakeholder steigt, und somit auch die Notwendigkeit, diese von der Ernsthaftigkeit der Nachhaltigkeitsstrategie zu überzeugen.

Dementsprechend ist das Thema im Bereich der Rechnungslegung mit der neuen „EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeits-Berichtserstattung“ (CSRD) zu einer der wichtigsten Herausforderungen geworden. Dass die Finanzfunktion als Steuerungszentrum des Unternehmens eine wichtige Rolle bei der Erreichung von ESG-Zielen spielen könnte, ist unumstritten. Welche Rolle die Finanzfunktion allerdings bisher in der Tat einnimmt, ist eine offene Frage.

Die Relevanz dieser Frage­stellung gab uns den Anlass, gemeinsam mit dem Controller-Institut eine Studie zur Rolle der Finanzfunktion in der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie im Herbst 2021 durchzuführen. Insgesamt nahmen 242 österreichische und Schweizer Groß- und Mittelstands­unternehmen teil. Unsere Resultate zeigen, dass zwar das Potenzial für ESG-Maßnahmen in der jeweiligen Branche als sehr hoch eingeschätzt wird, jedoch nur ein kleiner Teil der Befragten dieses Potenzial auch ausreichend ausschöpft.

Auch zeigen die Ergebnisse, dass die Finanzfunktion noch nicht federführend bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie mitwirkt. So ist die Finanzfunktion inkl des Controllings nur bei 25 % der Befragten zentral für die Nachhaltigkeitsberichterstattung zuständig. Somit ist auch der Zeitanteil, der momentan in den Finanzfunktionen für verschiedene ESG-Aktivitäten aufgewendet wird, eher gering. In den meisten Fällen haben ESG-Aktivitäten auch nicht zu Ressourcenaufstockung oder Umverteilung bestehender Ressourcen geführt. Ein Grund dafür zeigt sich in den Anreizsystemen der CFOs, denn die Mehrheit wird nur in einem sehr geringen Ausmaß an der Erreichung von ESG-Zielen gemessen.


1. Unsere Ausganssituation

Trotz des steigenden öffentlichen Interesses zum Thema Nachhaltigkeit, scheint dessen Relevanz noch nicht wirklich in der Finanzfunktion angekommen zu sein. Eine Vielzahl von Studien und Beobachtungen zeigt ein einheitliches Bild: eine bisher geringe Beteiligung des Controllings im Nachhaltigkeitsmanagement. Interessanterweise war das aber so nicht vorhersehbar. Vor über zehn Jahren – rund um den Zeitpunkt als sich auch der Österreichische Controllertag erstmals dem Thema annahm und unter dem Motto „Doing well by doing good“ stand – wurde Nachhaltigkeit in der ersten WHU Studie zur Zukunft des Controllings sofort in die Top-Ten der Zukunftsthemen des Controllings gewählt.1

Dieser Hype kam wohl zu früh und war dann nur von kurzer Dauer. Das Thema ist in den Folgestudien 2014, 2017 und auch noch 2020 wieder aus den Top-Ten verschwunden. Controlling nimmt sogar den letzten Platz ein, wenn es um die Unterstützung betrieblicher Nachhaltigkeitsziele geht.2 Dies ist umso überraschender als das Controlling unverzichtbar für eine wirklich nachhaltige Steuerung ist: je zentraler Nachhaltigkeit wird, desto wichtiger ist eine solide Informationsbasis – die Kernkompetenz der Controller. Neue Reporting-Anforderungen fordern eine höhere Datenqualität – Controller sind Assurance gewohnt. Als „Zielerreichungssicherer“ können Controller das Nachhaltigkeits-Management besser im Kerngeschäft verankern als eigens dafür geschaffene Bereiche. Und nicht zuletzt können Controller als strategische/r Berater*in und Impulsgeber*in des Managements, eine wichtige Rolle in der Vorbereitung, Auswahl und Umsetzung von nachhaltigen Investitionsprojekten spielen.

Es gibt also viele Gründe, warum die Finanzfunktion federführend in der Implementierung der Nachhaltigkeitsstrategie sein sollte. Unklar ist, inwieweit dies nun angesichts der aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich bereits der Fall ist. In unserer Studie werfen wir einen detaillierten Blick auf den Status quo der ESG-Bestrebungen in der Finanzfunktion.

1.1. Studienziele und Eckdaten

Ziel der Studie war es, die Rolle der Finanzfunktion in der Implementierung von ESG-Maßnahmen zu erforschen. Insbesondere standen die folgenden Themen im Fokus der Untersuchung:

Die Rolle von Nachhaltigkeit in der Unternehmensstrategie.
Die Rolle der Finanzfunktion in der Implementierung von ESG-Maßnahmen.
Nachhaltigkeitsbestrebungen von High-Performing-Unternehmen.
Die persönliche Einstellung der CFOs zu Nachhaltigkeit.

Die Befragung richtete sich primär an CFOs und wurde in Zusammenarbeit mit der WU Wien, der Universität Bern und dem Controller Institut durchgeführt. Im Zeitraum September bis Oktober 2021 füllten 242 CFOs oder Führungskräfte in den Bereichen Finance & Controlling aus Österreich und der Schweiz unsere Umfrage aus. Der Großteil der Fragen wurde mithilfe einer siebenstufigen Skala erhoben (1: trifft gar nicht zu, 7: trifft völlig zu). Die teilnehmenden Unternehmen kommen aus den unterschiedlichsten Branchen; die FertigungsindustrieSeite 148 sowie die Finanz- und Versicherungsbranche stellen den höchsten Anteil.

2. Rolle von Nachhaltigkeit in der Unternehmensstrategie

Die an der Umfrage teilnehmenden Unternehmen geben an, dass ESG-Themen eine große Rolle in ihrer Strategie spielen bzw dass sie besonderen Wert darauflegen, das Bewusstsein ihrer Mitarbeitenden für ESG-Themen aktiv zu fördern. Die strategische Bedeutung von ESG-Themen wird auch durch die Tatsache untermauert, dass der Einfluss­faktor „Handeln in einer Weise, die mit den Unternehmens­werten übereinstimmt“ von den Studienteilnehmenden als stärkster Treiber für die eigenen ESG-Bemühungen charakterisiert wird. ESG-Bemühungen werden aus der Sicht der teilnehmenden Unternehmen aber auch sehr stark durch Compliance- und Risikomanagement-Motive positiv beeinflusst. Eine lediglich untergeordnete Bedeutung ordnen die Unternehmen momentan noch dem Einfluss­faktor „Zugang zu Finanzierung/Bankkrediten sichern“ zu.

Während Nachhaltigkeitsthemen auf strategischer Ebene schon seit Längerem eine wichtige Rolle spielen, spiegelt sich dies noch nicht entsprechend in der Berichterstattung der Unternehmen wider. Mehr als zwei Drittel der befragten Unternehmen publizieren nach wie vor keinen ESG-Bericht. 9 % der Unternehmen sind rechtlich verpflichtet, einen ESG-Bericht zu veröffentlichen und fast ein Viertel der befragten Unternehmen publiziert einen ESG-Bericht auf freiwilliger Basis. Dass ESG-Berichterstattung in den teilnehmenden Unternehmen noch Entwicklungspotenzial hat, zeigt sich daran, dass zwei Drittel jener Unternehmen, die einen ESG-Bericht veröffentlichen, dies erst seit maximal fünf Jahren tun.

Gleichzeitig geben fast 46 % der Unternehmen mit ESG-Bericht an, dass die in ihrem ESG-Bericht veröffentlichen Informationen keiner externen Prüfung unterzogen werden. Auch dieser Befund legt den Schluss nahe, dass ESG-Berichterstattung für viele Unternehmen „work in progress“ ist. Im Hinblick auf die Zuständigkeit für ESG-Berichterstattung setzen 41 % der Unternehmen mit ESG-Bericht auf eine eigene ESG-Abteilung, während der Controlling- und Finanzbereich nur in einem Viertel der Fälle für die ESG-Berichterstattung verantwortlich ist.

34 % aller befragten Unternehmen verteilt die Verantwortung für ESG-Themen über mehrere Abteilungen, während der Controlling- und Finanzbereich in 20 % der teilnehmenden Unternehmen bei ESG-Themen die Führungsrolle einnimmt. Insgesamt lässt sich also festhalten, dass die ESG-Berichterstattung in vielen Unternehmen nach wie vor großes Entwicklungspotenzial hat und dass die Finanzfunktion zumindest im Moment bei ESG-Themen noch nicht in der Führungsrolle ist. Entwicklungspotenzial ist aber nicht nur bei der ESG-Berichterstattung zu konstatieren, sondern auch bei ESG-Maßnahmen im Allgemeinen. Während 40 % der befragten Unternehmen, das Wertschöpfungspotenzial durch ESG-Maßnahmen in ihrer Branche als außerordentlich hoch einschätzen, befinden nur 12 % der Unternehmen, dass sie dieses Potenzial momentan gut ausnützen.

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Abb 1: Zeitliche Ressourcen für ESG-Aktivitäten in der Finanzfunktion

3. Rolle von Nachhaltigkeit in der Finanzfunktion

Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die befragten Unternehmen das Nachhaltigkeitspotenzial in ihrer Branche bisher bei Weitem nicht ausnützen, kommt es auch nicht weiter überraschend, dass ESG-Aktivitäten in der Finanzfunktion momentan tendenziell noch von untergeordneter Bedeutung sind. Generell geben die Unternehmen an, dass in der Finanzfunktion nur ein sehr geringer zeitlicher Anteil auf ESG-Aktivitäten entfällt. Die meisten zeitlichen Ressourcen werden in der Finanzfunktion für die externe ESG-Berichterstattung, den Aufbau und die Integration von ESG-Informationssystemen sowie für Datenerfassung für ESG-Risiken aufgewendet (siehe Abb 1).

Bei der Berücksichtigung von ESG-Aspekten in der Business Case-/Investitionsanalyse wendet die Mehrheit der befragten Unternehmen entweder einen mittleren oder einen großen Zeitanteil auf. Das relativ geringe Zeitbudget, das die FinanzfunktionSeite 149 für ESG-Aktivitäten aufbringt, spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass lediglich 18 % der befragten Unternehmen neue Mitarbeitende für ESG-Aktivitäten in der Finanzfunktion eingestellt haben bzw dass nur 8 % der Studienteilnehmenden Mitarbeitende zugunsten von ESG-Themen umverteilt haben (siehe Abb 2).

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Abb 2: Veränderung in der Ressourcenausstattung der Finanzfunktion

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Abb 3: Verwendung von ESG-Kennzahlen in der Finanzfunktion

ESG-Kennzahlen werden in der Finanzfunktion vor allem bei Investitions­entscheidungen, Risiko­bewertungen und bei Finanzierungs­entscheidungen berücksichtigt. Die Mehrheit der Unternehmen berücksichtigt ESG-Kennzahlen in diesen Bereichen allerdings nur informell anstelle einer systematischen Integration der ESG-Kennzahlen in Entscheidungsprozesse. Die geringste Bedeutung haben ESG-Kennzahlen bei Finanzplanungs- und Forecastingprozessen (siehe Abb 3).

Die Ergebnisse zur Rolle der Finanzfunktion bei ESG-Aktivitäten untermauern die Schlussfolgerung aus Kapitel 2, dass in der Finanzfunktion noch großes Entwicklungspotenzial im Nachhaltigkeitsbereich besteht. Dieses Entwicklungspotenzial tatsächlich auch auszuschöpfen, wird von der Mehrheit der Unternehmen als besonders relevant eingeschätzt, da 76 % der Studienteilnehmenden der festen Überzeugung sind, dass die Bedeutung von ESG-Aktivitäten in der Finanzfunktion in den nächsten drei bis fünf Jahren stark ansteigen wird.

4. Was machen High-Performers anders?

Eine zentrale Frage, die sich Unternehmen im Sinne des Benchmarkings oft stellen, ist: Was machen High-Performers anders? In dieser Studie haben wir jene Unternehmen als High-Performers klassifiziert, die sowohl überdurchschnittlich hohe finanzielle als auch hohe Innovationsperformance aufweisen. Wir können aus unseren Ergebnissen schließen, dass Nachhaltigkeit in solchen High-Performing-Unternehmen tatsächlich bereits eine größere Rolle in der Unternehmensstrategie spielt und mehr in ESG-Aktivitäten investiert wird. So sehen wir hier an den hellblauen Balken in Abb 4, dass diese öfter einen ESG Report veröffentlichen (45 % vs 29 %), ein solcher Bericht öfter extern geprüft wird (63 % vs 49 %) und auch ESG-Themen häufiger von der Finanzfunktion verantwortet werden (Abb 4).

Des Weiteren investiert die Finanzfunktion in High-Performing-Unternehmen bereits deutlich mehr in die Implementierung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen. Konkret werden mehr zeitliche Ressourcen für ESG-Aktivitäten allokiert, ESG-Kennzahlen bereits öfter in Finanzprozesse integriert sowie stärkere ESG-Anreize für den CFO gesetztSeite 150 (siehe Abb 5). Deutlich ist, dass in High-Performing-Companies Nachhaltigkeit an sich nicht nur einen höheren Stellen­wert in der Unternehmensstrategie hat, sondern auch die Finanzfunktion eine größere Rolle in der Implementierung der Nachhaltigkeitsstrategie spielt.

Hier stellt sich natürlich die Kernfrage: Henne oder Ei? Performen Unternehmen, die stark in ESG investieren, tatsächlich besser und sind somit in der Lage, aus ESG-Investments einen Wettbewerbsvorteil zu generieren? Oder ist die Kausalität umgekehrt: Nur High-Performers besitzen überhaupt die notwendigen Ressourcen, um in ESG-Maßnahmen zu investieren. In anderen Worten: Muss man sich ESG erst einmal leisten können?

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Abb 4: ESG High-Performers

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Abb 5: ESG High-Performers II

5. Persönliche Einstellung der CFOs zu ESG

Zum Schluss hat uns noch die persönliche Einstellung und das Verhalten der CFOs in Bezug auf ESG-Themen interessiert. Es zeigt sich ein eindeutig positives Bild. Über 90 % der Befragten geben an, Veränderungen im täglichen Leben zu Gunsten des Umweltschutzes gemacht zu haben, 50 % davon berichten sogar von starken Veränderungen. Auch geben 60 % der CFOs die Bereitschaft an, höhere Preise für nachhaltig hergestellte Produkte zu bezahlen.

Am wenigsten wollen CFOs auf das Auto verzichten und auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. So geben nur 33 % der Befragten die Bereitschaft an, dies zu tun, für ein weiteres Drittel kommt das (noch) nicht in Frage. In Bezug auf Geschlechtergleichheit ist die Mehrheit der Befragten skeptisch gegenüber Frauenquoten. So sehen nur 17 % der Befragten Frauenquoten als ein effektives Mittel um die Anzahl von Frauen in Vorstand und Aufsichtsrat zu erhöhen, und sogar 50 % der CFOs sind überhaupt nicht dieser Ansicht. Allerdings glauben sehr viele CFOs – nämlich 54 % der Befragten – an den Mehrwert von diversen Teams, nur weniger als 10 % sehen dies nicht so.


Auf den Punkt gebracht

Im Allgemeinen zeigt unsere Studie, dass das Thema Nachhaltigkeit noch immer nicht flächendeckend in der Finanzfunktion angekommen ist. Es scheint nicht der Fall zu sein, dass ESG bereits wieder in die Top-Ten-Themen der CFOs zurückgekehrt ist, zumindest nicht auf operativer Ebene. Bezeichnend ist, dass die Mehrheit der Unternehmen weder Personalressourcen umverteilt noch neue Mitarbeiter*innen für ESG-Themen eingestellt hat.

Es bleibt abzuw­arten, wie die Unternehmen im derzeitigen Dauerkrisenmodus neben dem Tages­geschäft in der Lage sein werden, die neuen Richtlinien wie die EU-Taxonomie und die CSRD umzusetzen. Noch scheinen viele Unternehmen nicht zu wissen, was auf sie zukommt oder sie scheinen nicht rechtzeitig auf diese Veränderungen zu reagieren, und das

obwohl die große Mehrheit der CFOs davon ausgeht, dass das Thema Nachhaltigkeit weiter an Bedeutung gewinnen wird. Inwieweit sich das seit der Durchführung der Studie im Herbst 2021 verändert hat, ist eine spannende Frage, die wir mit unserer nächsten Befragung im Herbst 2022 beantworten wollen.


Der Beitrag erschien zunächst in CFOaktuell (Heft 4/2022). Mehr Infos unter: www.cfoaktuell.at

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