Fokus des Controllings in Richtung Performance Controlling

Frank H. Lutz, CFO und Arbeitsdirektor der Covestro AG, im Gespräch

 

Seit September 2015 ist die Covestro AG ein eigenständiges, aus dem Bayer-Konzern herausgelöstes Unternehmen. Wie kam es dazu?

Das war eine strategische Entscheidung der Bayer AG, die ja auch nach wie vor unser Mehrheitsaktionär ist. Für uns als Covestro war es eine glückliche Entscheidung, da wir als eigenständiges und unabhängiges Unternehmen unsere Stärken noch besser ausspielen können.

Wie hat sich die Covestro AG seither entwickelt? Was waren die wichtigsten Learnings aus Ihrer Sicht als CFO?

Ich bin mit der Entwicklung von Covestro bisher natürlich hoch zufrieden. Wir haben das, was wir uns vorgenommen haben, konsequent umgesetzt und sind operativ sehr stark. Aufgrund dessen konnten wir erst im Oktober unsere Prognose für das Geschäftsjahr 2016 nochmals erhöhen und erwarten dementsprechend für alle Top-KPIs eine bessere Entwicklung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die hervorragende Unternehmensentwicklung hat sich auch im Aktienkurs widergespiegelt, der mittlerweile vom Ausgabekurs von 24 Euro auf deutlich über 60 Euro gestiegen ist. Darüber hinaus haben wir unsere globale Präsenz unter anderem mit der Erweiterung des Werks in Shanghai weiter ausgebaut. Durch die Kapazitätserweiterung um 200.000 auf 400.000 Tonnen pro Jahr sind wir jetzt der weltweit größte Hersteller von Polycarbonat-Granulat. Wir haben ein sehr gutes Jahr hinter uns und wir werden auch 2017 alles daran setzen, gemeinsam mit allen Mitarbeitern die gute Entwicklung fortzusetzen.

 

Was sind die nächsten Meilensteine, die aus Ihrer Sicht auf Covestro

 

 

 

zukommen werden?

Aufgrund der aktuellen geopolitischen Veränderungen sowohl auf europäischer als auch auf globaler Ebene und der bevorstehenden Wahlen in Deutschland wird auch das Jahr 2017 mit Sicherheit spannend und ereignisreich. Für Covestro ist 2017 aber auch unabhängig von geopolitischen Entwicklungen ein sehr wichtiges Jahr, denn es gilt, die sehr erfolgreiche Entwicklung aus 2016 fortzuschreiben. Zudem sehe ich durchaus noch Verbesserungspotenziale, zum Beispiel bei der operativen Marge im Bereich Kunststoffschäume. Wir müssen den Anspruch haben, unser Geschäft noch profitabler als in der Vergangenheit führen zu können. In der Produktion sind wir schon sehr weit vorne. Aber bei den Kosten für Verwaltung und Vertrieb können wir noch viel optimieren und Prozesse verbessern – und zwar ohne Personalabbau. Denn hier sind wir bei Weitem noch nicht an der Spitze angekommen. Außerdem glaube ich, dass wir bei der Profitabilität durchaus noch Potenzial haben, denn die Effekte aus unserem Effizienzprogramm sind noch gar nicht sichtbar. Wir haben weiterhin strukturelle Überkapazitäten, in die wir hineinwachsen können, und die Nachfrage in unseren Märkten wächst weiterhin schneller als die Weltwirtschaft.

 

Das Thema Digitalisierung ist derzeit in aller Munde. Welche Strategie verfolgt Covestro diesbezüglich?

Es stimmt, an der Digitalisierung kommt man nicht mehr vorbei. Das gilt sowohl für interne als auch für externe Prozesse. Intern sind wir derzeit dabei, unsere Systeme auf unsere Bedürfnisse anzupassen. Im Rahmen des Carve-out haben wir im ersten Schritt einige Systeme von Bayer übernehmen müssen, um die Carve-out-Readiness schnellstmöglich herzustellen. Jetzt passen wir diese auf unsere Bedürfnisse an. Das gilt zum Beispiel für unser IT-System zur globalen Administration des Personals. Aber mindestens genauso wichtig ist die Digitalisierung in den Bereichen Logistik oder Anlagensteuerung. Bei der Herstellung unserer Werkstoffe wird teilweise eine große Energiemenge benötigt.

Deshalb hat Covestro das Mess- und Managementsystem STRUCTese entwickelt, mit dem der Energieverbrauch optimiert wird. Das System ist bereits in etwa 60 Betrieben in Europa, Asien und Amerika eingeführt worden, die für den größten Energieverbrauch des Unternehmens verantwortlich sind. Das Einzigartige an diesem System ist, dass der Energieverbrauch jeder einzelnen Anlage durchgehend online aufgezeichnet wird und an einen Optimalwert angepasst werden kann. Dadurch können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jederzeit das bestmögliche Anlagenmanagement sicherstellen. STRUCTese hat unser Unternehmen bereits dabei unterstützt, jährlich mehr als 1,2 Millionen Megawattstunden Strom einzusparen, indem der Energieverbrauch jeder Anlage um durchschnittlich zehn Prozent reduziert wurde. Dadurch konnten auch die jährlichen Kohlendioxid-Emissionen um 360.000 Tonnen gesenkt werden. Bis 2020 ist eine Verringerung der Emissionen um etwa 750.000 Tonnen zu erwarten.

 

Das Controlling der Covestro AG wurde den neuen Anforderungen entsprechend redesigned. Wie kann man sich diesen Vorgang vorstellen? Welche Verbesserungspotenziale sehen Sie im Controlling derzeit?

Die Aufgaben für das Controlling haben sich durch die Eigenständigkeit und die Börsenotierung natürlich deutlich verändert: Das „Redesign“ unseres Controllings hat sich an diesen neuen Anforderungen orientiert. Dazu zählen vor allem die veränderten Prioritäten wie Kapitalmarktanforderungen, eine holding-unabhängige Steuerung anhand eigener KPIs und der Aufbau eines individuellen, auf Covestro zugeschnittenen Steuerungskonzepts. Dementsprechend haben wir sowohl den Steuerungsansatz, die steuerungsrelevanten Inhalte und Instrumente wie auch die Controlling-Organisation an die neuen Anforderungen von Covestro angepasst.

Unmittelbar nach der Ankündigung der Eigenständigkeit von Covestro erfolgte zwischen dem Controlling und der Unternehmensleitung eine Abstimmung, um ein gemeinsames Grundverständnis über die zukünftige Steuerungsphilosophie von Covestro zu erzielen. Das Ergebnis ist eine top-down orientierte Steuerung mit einer eng verzahnten Strategie- und Finanzplanung, die sich in einem stringenten Zielsetzungsansatz, einer klaren Priorisierung auf finanzielle Top-KPIs sowie einer gestärkten Maßnahmenorientierung niederschlägt. Natürlich ist das ein Prozess, der immer wieder angepasst und verbessert werden muss. Darüber hinaus sehe ich weitere Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung: zum Beispiel in der zunehmenden Automatisierung von Abläufen und der Bündelung von Kernaufgaben.

 

Zwei persönliche Fragen zum Schluss: Wie würden Sie Ihren Führungsstil bezeichnen? Was sind Ihre persönlichen Karriere-Highlights und warum?

Beim Thema Führung geht es immer um Werte, und diese gelten unabhängig von Positionen und Hierarchieebenen: Für mich sind Ehrlichkeit, Integrität, persönlicher Einsatz und eine gute Prise Empathie wichtige Eigenschaften, die ich versuche vorzuleben. Jeder Karriereschritt hinterlässt besondere Eindrücke, aber der Börsengang von Covestro war sicherlich ein außergewöhnliches Highlight. Als ich auf dem Parkett an der Frankfurter Börse die Glocke läuten durfte und der erste Kurs feststand, war das schon ein überwältigender Moment. Schließlich bringt man nicht alle Tage ein Unternehmen an die Börse.

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