Controlling wird auf Basis von Realtime andere Fähigkeiten entwickeln

Im Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Ing. Dipl.-Ing. Prof. eh Dr. h.c. Wilfried Sihn (Geschäftsführer der Fraunhofer Austria Research GmbH und Professor für Betriebstechnik und Systemplanung am Institut für Managementwissenschaften an der Technischen Universität Wien)

Digitalisierung ist das Schlagwort der Stunde. Was sind Ihrer Meinung nach die gravierendsten Veränderungen, die in den kommenden Jahren auf uns zukommen werden?

Die Veränderungen, die die Digitalisierung nach sich zieht, die digitale Transformation, die neuen Geschäftsmodelle, die Veränderungen in Arbeitssystemen usw werden dazu führen, dass sich unsere Arbeitswelt auf jeden Fall verändern wird. Die Frage ist, wie stark diese Veränderungen sein werden: Alles ist möglich, von dramatisch bis leicht. Das hat natürlich entsprechende Auswirkungen: etwa, dass Firmen ihre Geschäftsgrundlage verlieren oder völlig neue Unternehmen entstehen werden.

Ein Beispiel: Wenn Sie sich heute die zehn größten Nutzer des Internets ansehen, also jene, die den größten Traffic im Internet verursachen, dann besteht mehr als die Hälfte davon seit weniger als drei Jahren. Auf der anderen Seite gibt es viele Unternehmen, die vor drei Jahren noch Weltmarktführer waren und heute nicht mehr existieren. Ein Vergleich der zehn wertvollsten Unternehmen von vor zehn Jahren mit einer aktuellen Liste zeigt, dass die zehn Top-Unternehmen von damals heute nicht mehr dabei sind.

Kürzlich hat mich ein Journalist zum Thema Arbeitsplatzverluste gefragt: „Geben Sie mir ein ganz konkretes Beispiel: Welche Jobs sind denn gefährdet? Wer läuft Gefahr, dass er seinen Arbeitsplatz verlieren wird?“ Ich habe ihn angesehen und gesagt: „Journalisten!“ Sieht man sich die klassische Journalistenarbeit in einer Redaktion an, so besteht ein gewisser Teil dieser Arbeit darin, hereinkommende Texte so umzusetzen, zu formatieren und umzuformulieren, dass sie irgendwo hineinpassen, und das kann ein Computer viel besser.

Das zieht sich wie ein roter Faden durch Unternehmen, und zwar unabhängig davon, in welcher Branche sie tätig sind. Das heißt, es werden Jobs, insbesondere jene niedrig qualifizierter Personen, gefährdet sein, weil sie sehr leicht durch Automatisierung ersetzt werden können. Das kann durch einen Computer, Roboter oder Handhabungsgerät sein.

Auf der anderen Seite hat die Digitalisierung zur Folge, dass wir nun in der Lage sind, völlig neue Dinge zu tun. Ich bin davon überzeugt, dass im Controlling sogar noch mehr Jobs entstehen werden. Warum? Weil das Controlling auf Basis der enormen Datenmengen, die wir heute sogar in Realtime erzeugen und auswerten können, ganz andere Fähigkeiten entwickeln wird. Heute basiert das Controlling noch eher auf „Datenfriedhöfen“: Man analysiert die Bilanz des Vorjahres, des letzten Monats oder der letzten Woche. Es handelt sich immer um die Vergangenheit. Hat man hingegen aktuelle Daten, ist man in der Zukunft in der Lage, KPIs in Echtzeit zu definieren. Wir brauchen betriebswirtschaftliche, logistische und produktionstechnische Kennzahlen, um damit den Unternehmensmanagern und Lenkern für das Treffen richtiger Entscheidungen ganz andere Hilfsmittel an die Hand zu geben.

So gibt es unzählige Beispiele für die Veränderungen, die auf uns zukommen werden. Wir werden dadurch eine völlig andere Transparenz haben. Klassische Versicherungsvertreter, Immobilienmakler usw werden etwa enorme Schwierigkeiten bekommen, wenn sie sich nicht mit dieser neunen Transparenz auseinandersetzen und entsprechend innovative Lösungen entwickeln.

 

Was sind die spannendsten Projekte, an denen Fraunhofer in Österreich derzeit forscht?

Wir haben im Jahr 2017 123 Projekte mit Industrie­unternehmen durchgeführt. Ich möchte hier drei herausgreifen: Ein Projekt läuft unter dem Stichwort „Industrial Data Science“. Wir erzeugen heute – und werden das in Zukunft noch viel mehr tun – ungeheure Datenfluten. Die Kunst besteht darin, diese Daten so zu analysieren, dass aus Big Data „Big Dollar“ werden. Wie schaffe ich es also, diese riesigen Datenmengen so auszu­werten, dass daraus nutzenbringende Informationen entstehen? Genau diese Transformation, diese riesigen Datenmengen wissenschaftlich zu analysieren, um daraus entsprechende Schlussfolgerungen ziehen zu können, ist ein Schwerpunkt unserer Forschung.

Dazu ein kleines Beispiel: Wenn Sie in Ihr Auto steigen und den Schlüssel in die erste Stellung drehen, gehen viele Lichter an. Drehen Sie den Schlüssel weiter, bestehen zwei Möglichkeiten: Die eine Möglichkeit ist, dass alle Lichter ausgehen, das Auto anspringt und es Ihnen damit sagt: „Ich bin okay, alles gut. Du kannst losfahren.“ Es gibt aber auch eine zweite, wenig erfreuliche Möglichkeit: Sie drehen den Schlüssel, ein Licht brennt weiter und der Motor springt nicht an. Das Auto sagt Ihnen also: „Ich bin kaputt. Du kannst nicht weiterfahren.“ Das ist nicht das, was ich von meinem Auto wissen möchte. Ich möchte, dass es mir sagt: „Ich bin heute in diesem und jenem Zustand. Ich empfehle Dir, dass Du dies und jenes tust, damit ich in vier Wochen nicht stehen bleibe.“ Das wäre ideal – und ist heute auch möglich. Auf Basis dieser Daten kann ich die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Das ist es, was Industrial Data Science bedeutet: Wie kann man riesige Datenmengen so analysieren, dass für den Nutzer ein Nutzen entsteht, den er am Markt platzieren kann?

Das zweite Thema ist ein sogenanntes Reifegradmodell, das von uns entwickelt wurde. Die meisten Unternehmen in Österreich haben inzwischen begriffen, dass im Bereich Digitalisierung Handlungsbedarf besteht. Für viele Unternehmen ist dabei aber nicht klar, was wirklich getan werden soll und welche Möglichkeiten bestehen. Hier haben wir ein Reifegradmodell entwickelt, mit dem Unternehmen analysieren können, wo ihre Stärken und Schwächen liegen – abhängig vom Markt, ihrer Unternehmensstruktur, den Qualifikationen, der Strategie etc –, um ihnen damit einen Vorschlag zu machen, womit sie beginnen können bzw sollen.

Das dritte Thema ist die sogenannte „Preventive Maintenance“, die vorausschauende Instandhaltung. Hier kommen wir wieder zum Beispiel unseres Autos bzw dazu, dass uns die Maschine – das System – nicht sagen soll: „Ich bin kaputt“, sondern „Ich bin in diesem konkreten Zustand“. Sie soll uns also Empfehlungen dafür geben, was wir tun können und sollten.

 

Auch Industrie 4.0 ist in aller Munde. Was kommt diesbezüglich in den nächsten Jahren auf uns zu? Welchen Zeitraum betrifft das aus Ihrer Sicht?

Jede Maschine, jedes technische System, das eingesetzt wird, hat eine Steuerung, die Daten produziert. Mit diesen Daten wird allerdings nichts unternommen. Man sammelt sie nicht, man analysiert sie nicht. Es gibt hier eine Reihe von Themen, die auf uns zukommen werden. Gleichzeitig stehen wir mit dem Thema Digitalisierung aber auch erst am Anfang dessen, was überhaupt möglich ist, weil sich insbesondere die Technologien dramatisch weiterentwickeln werden.

Ein weiteres Beispiel: Ich habe vor Kurzem ein Biomanufacturing-Labor in den USA besucht. Dort können Sie ankreuzen, dass Sie eine neue Niere, eine neue Leber, ein neues Herz, eine neue Nase oder neue Ohren haben möchten, die dann in einem 3D-Drucker produziert werden. Dadurch ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, die auf uns zukommen werden. Ich weiß nicht, wie die Welt in drei Jahren aussehen wird, weil ich nicht weiß, wie sich diese Technologien entwickeln werden. Ich weiß aber, dass sie sich weiterentwickeln werden, und zwar dramatisch.

Die Themen Digitalisierung und Industrie 4.0 stehen meines Erachtens erst am Anfang. Sie werden uns mit Sicherheit zumindest noch fünf, zehn Jahre begleiten, bis dann wieder etwas völlig Neues kommt. Die Digitalisierung begleitet uns ja eigentlich schon seit den 1970er-Jahren. Sie stand nur nicht so sehr im Mittelpunkt. Die Entwicklungen waren noch nicht so weit, dass man von einer „echten“ Digitalisierung sprechen konnte. In diesem Bereich haben sich in den letzten drei bis fünf Jahren immense technologische Sprünge abgespielt. Jetzt gilt es, diese in Markt-, Produkt- und Prozessvorteile umzusetzen.

 

Was bedeuten diese Änderungen im Bereich Finance sowie speziell für das Controlling?

Was Controlling und Finance insgesamt betrifft, ist das Thema „Realtime“ meines Erachtens die größte Veränderung. Das heißt, wir sind nun in der Lage, Unternehmensdaten in Echtzeit auszu­werten und damit den Managern eines Unternehmens nicht mehr Datenfriedhöfe als Entscheidungsbasis zu liefern, sondern ein Abbild des Ist-Zustands. Wir können Dashboards aufbauen, KPIs, wie das Unternehmen in diesem Moment, in dieser Sekunde dasteht. Die Entscheidungsbasis ist eine ganz andere als sie es in der Vergangenheit war. Deshalb glaube ich auch, dass wir gerade im Bereich Finance und Controlling nicht von einem Jobabbau, sondern eher von einem Jobaufbau reden werden.

 

Der 38. Österreichische Controllertag fand 2018 unter dem Motto „Fast Forward – Controlling als Mitgestalter des digitalen Wandels“ statt. Hier stellt sich nun die Frage, wie die Bereiche Controlling und Finance die digitale Transformation aktiv gestalten können.

Dem Controller kommt eine ganz wesentliche Aufgabe zu, die er zwar heute schon hat, die aber auf „Vergangenheitsdaten“ beruht. Dem operativen Management wurden Daten aus der Vergangenheit geliefert, auf deren Basis Produktions­entscheidungen getroffen sowie neue Standorte, Märkte und Produkte diskutiert wurden. Nun kann man diese Daten mit Online-Informationen unterlegen. Die Rolle des Controllers geht demnach immer weiter in Richtung der Zurverfügung­stellung aktueller Daten, also weg vom Controller und hin zum „Lenker“. Es wird ihm auf Basis dieser Realtime-Daten eine neue Rolle zukommen.

 

Sie forschen auch selbst im Bereich Technologie- und Innovationsmanagement. Wie ist hier der Status quo in Österreich? Wo gibt es Verbesserungspotenzial und wie kann Controlling einen Mehrwert schaffen?

Österreich ist ein Hochlohnland und kann nur mit Technologie und Innovation überleben. Das ist die einzige Chance, die wir haben. Um da die richtigen Entscheidungen treffen zu können, sind die richtigen Basisdaten notwendig. Diese liefert das Controlling ohnehin. Insofern hängt die Zukunft eines Unternehmens ganz wesentlich davon ab, dass die richtigen Entscheidungen in Richtung Technologie und Innovation getroffen werden. Diese Entscheidungen basieren hoffentlich auf den richtigen Daten, die aus dem Controlling kommen müssen. Somit ist das Technologie- und Innovationmanagement auch in Österreich ein zentrales Thema. Wir müssen Strukturen aufbauen, dass dies funktioniert. Mit dem, was wir in der Vergangenheit gemacht haben, werden wir in der Zukunft keinen Erfolg mehr haben.

 

Sie sind in einer Doppelfunktion tätig und haben neben Ihrer Geschäftsführungsverantwortung für Fraunhofer Österreich auch an der Technischen Universität Wien den Lehrstuhl für Managementwissenschaften über. Welche Ausbildung würden Sie jungen Menschen empfehlen?

Ich würde jedem jungen Menschen eindringlich raten, einen Abschluss zu machen. Sieht man sich an, dass in Österreich in den letzten drei Jahren zwischen 12 % und 18 % aller Jugendlichen die Schule ohne irgendeinen Abschluss verlassen haben, dann muss uns bewusst sein, dass es sich dabei um die potenziellen Arbeitslosen der Zukunft handelt.

Weiters bin ich der Meinung, dass es wenig sinnvoll ist, Trends hinterherzujagen: Ich kann jungen Menschen nur raten, sich genau zu überlegen, was sie interessiert und was ihnen Spaß macht. Es ist wichtig, morgens mit Freude in die Arbeit und abends zufrieden nach Hause zu gehen! Macht mir ein Job von vornherein keinen Spaß, weil ich kein Interesse daran habe, dann wird das auf Dauer nicht funktionieren.

Im universitären Bereich hat Digitalisierung heute extrem viel mit Informatik zu tun. Das heißt, Informatik in jeglicher Ausprägung ist eine weitere Empfehlung. Betrachtet man das in Richtung Produktion oder produzierendes Unternehmen, dann ist ein Abschluss zum Wirtschaftsingenieur seit vielen Jahren ein Erfolgsbeispiel.

 

Was begeistert Sie persönlich an diesen Zukunftsthemen?

Eines meiner Ziele ist es, eine Zukunft zu schaffen, die lebens­wert ist. Ich möchte die Zukunft also positiv gestalten. Wenn ich dazu einen persönlichen Beitrag leisten kann, ist das für mich ein unglaublicher Antrieb, sowohl in der Ausbildung junger Menschen als auch in der Forschung. An der Universität, wo ich hauptsächlich für die Ausbildung der Wirtschaftsingenieure verantwortlich bin, investiere ich sehr viel Herzblut in die Qualifizierung junger Menschen, damit sie diesen Job nach mir übernehmen können. Durch meine Tätigkeit bei Fraunhofer möchte ich Unternehmen dabei unterstützen, die aktuellen Herausforderungen so zu gestalten, dass sie auch in Zukunft erfolgreich sind und Arbeitsplätze nicht bloß erhalten bleiben, sondern neue geschaffen werden können, um so unseren Wohlstand zu erhalten. Das bedeutet für mich maximalen Antrieb.

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