„NPOs müssen Daten besser nutzen!“

Die öffentliche Verwaltung und der Non-Profit-Sektor stehen immer wieder in der Kritik, die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung mit „ja, aber“ zu übergehen. Doch dass das nicht immer zutrifft und welche Möglichkeiten der digitale Transformationsprozess für NPOs und die öffentliche Verwaltung bietet, verdeutlicht Dr. Christian Horak, Partner bei Contrast EY Management Consulting sowie fachlicher Leiter des NPO-Kongresses im Gespräch.


Controller Institut: Die Digitalisierung beeinflusst die Prozesse, die Serviceleistungen und mitunter auch die Geschäftsmodelle der NPOs und der öffentlichen Verwaltung. Welche Entwicklungen (auch technologischer Art) sind gerade in diesem Bereich interessant und welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus?

Christian Horak: Wir müssen unterscheiden: Einerseits entstehen durch die Digitalisierung für die NPOs und öffentliche Verwaltungen neue inhaltliche Aufgabenfelder, die jetzt per se noch nichts mit Technologie zu tun haben: Das betrifft primär damit verbundene gesellschaftspolitische Veränderungen, die durch die Digitalisierung ausgelöst bzw. verstärkt werden (Zukunft der Arbeit, neue Zugänge zu Informationen, neue Formen der Kommunikation, etc.). Das fordert die NPOs und öffentlichen Verwaltungen einerseits im Rahmen ihrer „Voice-Funktion“ – also als kritische Stimme –, andererseits als Lösungsanbieter (was brauchen die Menschen, die von diesen Veränderungen betroffen sind) heraus.

Andererseits steht die Frage im Raum: Was bedeutet es für die Organisationen, wenn sie digitale Möglichkeiten nutzen? Und da wird sich für viele Organisationen einiges tun. Allein was das Stichwort der „Verplattformung“ angeht. Neue Plattformen werden entstehen: Zum Beispiel können Pflegekräfte via Plattformen sehr rasch und direkt gefunden werden. Daraus hat sich auch eine neue Kommunikation entwickelt. Viele Dienstleistungen, die von NPOs oder der öffentliche Verwaltung angeboten werden, wie zum Beispiel diverse Beratungsleistungen, werden in Zukunft anders passieren. Man wird unterscheiden zwischen Routine-Beratung und individuell-spezifischer Beratung: Das bedeutet, dass z.B. Chat-Bots auch für NPOs und die öffentliche Hand eine Rolle spielen werden. Ein Beispiel: Die App „Sag‘s Wien“ ist ein solcher Chat-Bot, der derzeit auf einfache Fragen antworten kann und ständig dazu lernt. Für spezifische Themen wird es weiterhin andere Wege, nämlich persönliche Beratung, geben.

Digitalisierung wird aber auch die Möglichkeit schaffen, sich mehr auf die direkte Interaktion und Kommunikation mit den Menschen zu konzentrieren, wie z.B. in der Pflege (Stichwort: Mehr Zeit mit den Menschen)

CI: Blockchain ist aktuell ein Trendthema. Welche konkreten Nutzungsmöglichkeiten gibt es für NPOs und die öffentliche Verwaltung?

Horak: Ein wesentliches Thema der Blockchain ist, Transparenz und Sicherheit zu vermitteln. Dinge, die über eine Blockchain passieren, sind nachvollziehbar und unverrückbar. Im öffentlichen Bereich ist das beispielsweise bei Registern oder Grundbüchern wichtig. Oder es soll sichergestellt werden, dass vorgesehene Nutzungen von bestimmten Dingen oder Ressourcen auch so erfolgen, wie es geplant war. Derzeit gibt es schon Blockchain-Anwendungen im internationalen Kontext, gemeint ist der Bereich der Flüchtlingsarbeit. In Finnland erhalten Flüchtlinge eine Identity Card, die auf Blockchain-Technologie basiert, auf der die entsprechenden Leistungen, die bezogen werden können, hinterlegt sind. Auch im Bereich Fundraising ist der Einsatz von Blockchain denkbar: Damit wird nachvollziehbar und sichergestellt, wo Spenden tatsächlich landen. Das passiert schon mancherorts und wird in Zukunft häufiger vorkommen. Auch in Österreich sind erste Pilotanwendungen mit Blockchain-Technologie, primär im öffentlichen Bereich, im Einsatz.

CI: Daten, Daten, Daten. Inwiefern können NPOs und die öffentlichen Verwaltung mit dem „Gold des 21. Jahrhunderts“ ihren Organisationszweck (purpose) besser erfüllen? Was gilt es, hinsichtlich Datennutzung und Datenschutz besonders zu beachten?

Horak: Datenschutz ist wichtig, aber es ist eine sehr komplexe Materie. Damit muss man sich auseinandersetzen, um den gesetzlichen Anforderungen zu genügen, ohne aber die Möglichkeiten der Datennutzung völlig zu vernachlässigen. Meiner Meinung nach ist es z.B. zukünftig schon eine Aufgabe der öffentlichen Hand, auch Informationen zur Verfügung zu stellen, im Sinne von „Open Data“. Das müssen natürlich generierte und aggregierte Informationen sein und keine Einzelinformation über Bürger. Das bedeutet: Man sammelt Einzeldaten im Gesundheitswesen und im medizinischen Bereich, aggregiert diese, und über entsprechende Forschungsprojekte können Muster bei Erkrankungen erkannt werden, die wiederum spezifische Behandlungen im Sinne der „evidence-based medicine“ möglich machen. Dabei spielt der Datenschutz eine wichtige Rolle (Schutz der sensiblen, persönlichen Gesundheitsdaten, aber es ist auch wichtig zu sehen, dass die Daten Einzelner Vielen helfen können.)

In Europa ist es, aufgrund der strengen Gesetzgebung, sehr schwierig, die Daten als „Gold des 21. Jahrhunderts“ umfänglich zu nutzen. Außerhalb Europas stellt sich die Situation anders dar: Ein interessantes und heißdiskutiertes Beispiel wurde von EY Australien entwickelt: Das „Child Protection Portal“ ist eine Künstliche Intelligenz-orientierte Portal-Lösung mit KI-Elementen bzw. Algorithmen, die es über die Auswertung von unterschiedlichen Daten aus verschiedenen Quellen ermöglicht, für Kinder einer bestimmten Community Risikoprofile zu ermitteln und damit bei Bedarf rasch durch die Sozialarbeiter gegensteuern zu können. Keine Frage, das ist eine heikle Angelegenheit. Dennoch ist das bereits möglich, wenn man Daten zur Verfügung hat und diese auch auswerten und verwerten darf. Es ist und bleibt ein sehr komplexes und gesellschaftspolitisch schwieriges Thema. Aber aus Sicht der Organisation den „purpose“ einer Sozialabteilung zu erfüllen, die sich im Kinder- und Jugendbereich bewegt, ist das natürlich sehr interessant. Zusammenfassend: Non-Profit-Organisationen und die öffentlichen Verwaltung werden zur Erfüllung ihres Auftrags in Zukunft nicht darum herum kommen, Daten im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten besser zu nutzen.

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