Chancen und Risiken des Megatrends AI

Wir haben mit Lars Thomsen, Gründer und Chief Futurist des Think Tanks future matters, über den Megatrend Artificial Intelligence gesprochen. Der führende Futurologe im deutschsprachigen Raum ist sich vor allem bei einem sicher: Wir müssen uns auf unsere Stärken berufen, um relevant für den Arbeitsmarkt zu bleiben.

Die digitale Transformation ist in vollem Gange. Zahlreiche Studien – darunter wohl die bekannteste aus dem Jahr 2013: „The Future of Employment“ – weisen darauf hin, dass sich der Arbeitsmarkt radikal ändern wird. Wie zeichnen Sie als Zukunftsforscher ein mögliches Szenario für das Jahr 2035?

Ich bin der Meinung, dass diese Studien tatsächlich einen Vorgeschmack darauf geben, was sich an Änderungen ergeben wird. Dabei muss man vielleicht sagen, dass der Begriff Digitalisierung veraltet ist, um diese Entwicklung richtig zu beschreiben. Einen Trend zur Digitalisierung gibt es seit 30 Jahren. Was jetzt kommt, und das ist viel wichtiger, ist die künstliche Intelligenz, also Themen wie Deep Learning oder Maschinenlernen.

Das ist eine ganz neue Form, wie wir zukünftig mit Maschinen umgehen werden. Tatsächlich werden wir einen großen Teil jener Routinetätigkeiten, die heute noch von Menschen gemacht werden, in den nächsten 20 Jahren durch Algorithmen, Maschinen und Roboter ersetzen. Diese Techniken werden günstiger, besser und schneller sein als wir Menschen. Das wird einer der großen Umbrüche sein. Ich würde meinen, dass dieser ungefähr so tief greifend sein wird wie die industrielle Revolution mit ihrem mechanischen Webstuhl oder der Dampfmaschine.

Welche Berufe werden aus Ihrer Sicht künftig überflüssig sein? Im Umkehrschluss: Welche Berufe werden neu entstehen?

Es wird jene Berufe treffen, die schon heute mehr oder weniger jeden Tag dieselben Routinen haben. Es handelt sich dabei um jene Berufe, die sukzessive durch neue Technologien ersetzt werden. Ein paar Beispiele: Einen Bus durch die Stadt zu fahren, auf der gleichen Route, an den Bushaltestellen anzuhalten und den Verkehr zu beachten – das ist eine Routine und letztendlich etwas, was eine Maschine in 10 Jahren besser, unfallfreier und vor allem viel billiger machen können wird. Die Frage, die sich diesbezüglich allerdings stellt: Wird es dann überhaupt noch Busse in der heutigen Form geben oder funktioniert Mobilität zukünftig auf Knopfdruck?

Auch bei administrativen Tätigkeiten gibt es heute zahlreiche Berufe, bei denen Routinen abgearbeitet bzw immer wieder das Gleiche getan wird, z.B. Reisekosten erstellen, Steuererklärungen machen oder die Schadensbearbeitung bei Versicherungen vornehmen. Solche Tätigkeiten werden zu einem Großteil automatisiert werden. Das Wichtige dabei ist, dass es nicht nur die low-income jobs treffen wird.

In der Vergangenheit war es so, dass man der Ansicht war, dass die allereinfachsten Tätigkeiten durch einen Roboter oder eine Maschine ersetzt werden können. In den nächsten Jahren werden wir aber an den Punkt kommen, an dem aktuell sogar sehr gut bezahlte Berufe, beispielsweise Bankanalysten oder sogar Programmierer, wenn sie sich nicht weiterentwickeln, durch Maschinen ersetzt werden. Es betrifft also die komplette Bandbreite an Berufsfeldern, die wir heute kennen.

Was wird entstehen? Durch fast jede industrielle Revolution gab es am Ende mehr Jobs, im Sinne von mehr verschiedenen Tätigkeiten. Im Positiven kann man davon ausgehen, dass sich das Spektrum an Tätigkeiten sogar erweitern wird. Alles, was empathisch, kreativ und innovativ ist, wird auch in den nächsten 20 Jahren eine Domäne des Menschen bleiben, nicht unbedingt der Maschinen.

Stichwort Megatrends. Was sind die nächsten Megatrends, die auf uns zukommen werden?

Der Umbau der Arbeitswelt ist tatsächlich einer der großen Megatrends. Das heißt, wir brauchen eine neue Definition dafür, was für uns der Begriff Arbeit bedeutet. Was bedeutet er im gesellschaftlichen oder politischen Kontext? Oder eben auch: Wie besteuern wir zukünftig Arbeit? Wie wird sich der Staat finanzieren, wenn immer weniger Menschen Lohn für Arbeit bekommen, aber immer mehr Maschinen ohne Lohn die Arbeit machen? Das ist ein weiterer großer Megatrend.

Es gibt aber auch eine ganze Reihe anderer Trends: So beobachten wir z.B. in der Energiewirtschaft den Umbruch, dass regenerative Energie günstiger wird, als jene aus fossilen Kraftwerken. In Kombination mit stark fallenden Batteriespeicherpreisen verändert dies sowohl die Energiemärkte, macht aber auch den Weg für die Elektromobilität frei. Das sind enorm große Märkte. Auch die Mobilität verändert sich komplett, weil wir von autonomer Mobilität erwarten können, dass uns Fahrzeuge auf Knopfdruck dorthin bringen werden, wohin wir gerade wollen. Daneben gibt es neue Produktionsmethoden und Materialien, die unsere Produktion vieler Güter – von Lebensmitteln bis hin zu komplexen Konsumgütern – stark verändern werden. Wir können uns auch auf eine ganz neue Art der Medizin einstellen, die softwarebasiert Fehler im Genom korrigieren kann.

Es gibt also genügend zu tun. Man gibt nicht die Arbeit oder die Notwendigkeit des Erfindens oder Umbauens auf, man darf allerdings nicht darauf hoffen, dass es so weitergehen wird wie bisher. Veränderung wird notwendig sein, und das gilt für jeden Einzelnen genauso wie für ganze Industrien.

Disruptive Geschäftsmodelle und Start-ups sind in aller Munde. Haben Unternehmen, die seit Jahren am Markt bestehen, überhaupt eine Chance? Welche Branchen sind besonders auf Digitalisierung angewiesen bzw. gibt es überhaupt Branchen, die es sich leisten können, in ihrer Unternehmensstrategie nicht auf Digitalisierung zu setzen?

Ich bin der Meinung, dass es noch nie eine bessere Zeit für Start-ups gab: In Zeiten, in denen sich grundlegende Paradigmen ändern, beispielsweise ein globaler Markt für jeden mit einem Smartphone. Man bedenke auch die Möglichkeiten, die uns die IT in den letzten Jahren gegeben hat. Zudem hat sich der Zugang zu Kapital ernorm vereinfacht. Eine gute Idee bedeutete vor 20 Jahren nicht unbedingt, dass man dafür relativ einfach Geld bekam. Heutzutage lassen sich Ideen sehr einfach teilen und man findet Menschen, die über Crowdfunding mitmachen, oder Venture-Investoren, die sagen: „Da steige ich ein!“

Die Geschwindigkeit, mit der die Entwicklungen in fast allen Branchen passieren, sprechen eigentlich dafür, dass Disruptoren – also Menschen, die Neues ausprobieren wollen – das wesentlich einfacher und schneller angehen können, als es bisher der Fall war. Was sehr wichtig ist: In Zeiten, in denen Umbrüche anstehen, sind diese Veränderungen für die Herausforderer – also für Neugründungen oder Start-ups – viel einfacher als für diejenigen, die schon seit Jahrzehnten am Markt sind. Es ist viel schwieriger, ein Unternehmen, das groß und traditionell ist, komplett auf den Kopf zu stellen oder in die neue Welt zu führen als ein kleines Start-up-Team, das vielleicht eine Handvoll Leute hat. Darin liegt, glaube ich, die große Herausforderung.

Das ist aber nicht ganz neu: Betrachtet man die Geschichte der Technik der letzten 200 Jahre, dann waren es in den seltensten Fällen die bestehenden Industrien, die den Wandel vorantrieben, sondern meistens Start-ups oder Herausforderer, die Umbrüche auslösten.

Ich würde jedem raten, sich nicht auf folgendes Argument zu verlassen: „Naja, wir sind ja so stark, wir sind ja so groß und wir sind ja so alt, und das kann uns ja niemand streitig machen!“ Das ist, glaube ich, die gefährlichste aller Herangehensweisen an die Zukunft.

Unternehmen setzen sich inzwischen intensiv mit Themen wie Digitalisierungsstrategien, Big Data oder Predictive Analytics und Ähnlichem auseinander. Oft hat man auch das Gefühl, dass das Ausmaß der Änderungen weder angekommen noch fassbar ist. Beispiel Artificial Intelligence: Was bedeutet diese für die Berufswelt, aber auch die Welt als Ganzes?

Wir Menschen machen oft einen ganz entscheidenden Denkfehler: Wir überschätzen, was in einem Jahr an Veränderung kommt. Es gibt viele, die sagen: „Wir haben doch schon vor drei Jahren über künstliche Intelligenz geredet. Wo ist sie? Sie ist nicht gekommen!“ Oft führt das dazu, dass man meint, daher komme sie auch in den nächsten Jahren nicht. Wir unterschätzen allerdings, was innerhalb von zehn Jahren an Veränderung möglich ist. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass das iPhone erst vor zehn Jahren vorgestellt wurde, somit das Konzept, dass man mobiles Internet in der Tasche hat, und zwar jeder zu jeder Zeit, und damit unendlichen Zugang zu Informationen, Kommunikation, sozialen Netzwerken, Wissen praktisch umsonst bekommt – dann klang das damals unglaublich und heute völlig normal.

Ähnlich verhält es sich mit den Themen Robotik und der künstlichen Intelligenz. So ein Trend entwickelt sich zu nächst langsam, dann kommt ein Punkt, den wir Tipping Point nennen, an dem er tatsächlich massiv ausbricht. In Bezug auf künstliche Intelligenz ist genau jetzt, im Jahr 2017, ein solcher Tipping Point erreicht. Sie wird für jede Firma relevant und auch anwendbar. Aber auch im Privatleben kommt die künstliche Intelligenz nun an: Man kann heute etwa mit seinem Haus und seinen Geräten sprechen. Das Mikrofon „Echo“ von Amazon hört zu und kann Fragen beantowrten, Musik spielen, das Licht dimmen oder die Heizung höher stellen. Das ist jedoch nur der Anfang, und unsere Kinder werden später einmal fragen, ob wir früher tatsächlich aufstehen mussten, um das Licht anzuschalten.

Als Verantwortlicher muss man sehr wach sein, diese Dinge dann auch auf betriebliche Prozesse übertragen zu können: „Was bedeutet das für unser Geschäft, unsere Prozesse, unsere interne Intelligenz?“ Ich würde jedem raten, sich nicht nur im eigenen Umfeld umzusehen, sondern tatsächlich auch einmal auf eher fachfremde Messe zu gehen, etwa die Gamescom oder die CES in Las Vegas. Man sollte sich einfach von dem inspirieren lassen, was in den verschiedenen Branchen läuft. Danach sollte die Übertragungsleistung gemacht werden: Was bedeutet das für uns? Das ist ein ganz wichtiger Schritt für uns Menschen. So arbeiten wir Zukunftsforscher übrigens auch: Wir sehen uns nicht nur die üblichen Verdächtigen an, sondern begeben uns ganz bewusst auch einmal in andere Umfelder, um von diesen zu lernen.

Gerade in den Bereichen Finance und Controlling ist derzeit Robotics „the next big thing“. Wie schnell sind solche Änderungen in der Praxis umsetzbar? Gibt es Vergleiche zu früheren Technologien, die im gleichen Zeitraum zu solchen Disruptionen geführt haben?

Der Trend geht über Robotics hinaus. Tatsächlich ist Deep Learning der wichtigste Treiber. Um es klar zu machen: Früher konnten Computer eigentlich nur Berechnen – man nannte sie daher auch Rechner. Der nächste Schritt ist nun, dass sie zu Verstehern und Lernenden werden. Das heißt, sie verstehen, was sie sehen, können interpretieren und lernen, erkennen in großen Datenmengen Muster. Das ist es, was Big Data möglich macht. Wir haben große Datenmengen und die Rechner erkennen Muster und können dadurch lernen.

Das ist auch das, was in den Bereichen Finance und Controlling der große Punkt sein wird. Wir haben zukünftig nicht dumme Rechner und schlaue Menschen, sondern Rechner, die von sich aus sogar sagen können, dass etwas schief läuft oder besser gemacht werden könnte – etwas, das ein Mensch vielleicht so gar nicht sehen kann. In Bezug auf die Geschwindigkeit sprechen wir von Zeiträumen von weniger als fünf Jahren. Überlegen Sie nur, wie schnell die Umstellung vom Röhren- auf den Flachbildfernseher verlief.

Gerade im Finance-Bereich wird eine Vielzahl der Berufe obsolet werden. Angefangen von den klassischen Bankberatern, von denen es ja jetzt schon nur noch einen Bruchteil gibt, über Buchhalter bis hin zu jenen Berufsfeldern, die bisher als zukunftsträchtig galten, etwa Wirtschaftsprüfer oder Wirtschaftsanwälte. Was raten Sie jenen, die in diesen Bereichen tätig sind? Wie sollen sie sich auf diese Änderungen einstellen, um nicht von den Entwicklungen überrollt zu werden?

Ich würde raten, aktiv auf die nächste Stufe zu klettern, denn die künstliche Intelligenz ist uns dicht auf den Fersen. Es wird wohl nicht reichen, zu sagen: „Nein, ich halte das durch: Die nächsten 20 Jahre werde ich noch irgendwie überstehen. Ich mache jetzt einfach das weiter, was ich immer gemacht habe.“ Das gilt auch für Wirtschaftsprüfer oder -anwälte: In wenigen Jahren werden Computer ohne Weiteres Standardverträge aufsetzen können, und zwar genauso gut oder sogar besser als wir. In Spezialfällen oder dort, wo es darauf ankommt, jemanden zu beraten, aktiv Tipps zu geben oder empathisch nachzufragen, sind wir Menschen besser. Man muss also auf die nächste Stufe kommen, lernen, sich weiterbilden, seine Fähigkeiten und Talente ausprägen, damit man im Vergleich einen Mehrwert bringt. Das ist für und in jedem wichtig.

Welche Ausbildung würden Sie jungen Menschen empfehlen? Macht es noch Sinn, Betriebswirtschaft zu studieren? Welche Weiterbildungen sind sinnvoll?

Es ist besonders wichtig, sich die richtige Bildungseinrichtung auszusuchen. Auch in der Bildung zeichnen sich unterschiedliche Tendenzen ab. Ich würde meinen, dass die Wahl einer progressiven Hochschule, die tatsächlich lehrt, wie etwa agile Projektmanagementmethoden eingesetzt werden können, oder aufstrebende
Institutionen, die erst in den letzten zehn Jahren richtig groß wurden, empfehlenswerter ist als ein klassisches Studium der klassischen Betriebswirtschaftslehre wie vor zehn Jahren.

Wie man Trends und Veränderungen frühzeitig erkennen und integrieren kann? Indem man sich für eine Ausbildung entscheidet, die einen tatsächlich sehr stark fordert, die progressiv ist und einen auch herausfinden lässt, wo die eigenen Talente liegen. Und ich glaube, dass man dann langfristig eine Chance hat, wenn man frühzeitig herausfindet, worin man richtig gut ist. Demnach sollte man seine Stärken und Talente auch entsprechend ausbauen.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Was sind die größten Chancen und Risiken für unsere Gesellschaft?

In Bezug auf die Risiken: Wir sehen eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft in diejenigen, die mit den neuen Möglichkeiten aktiv umgehen, damit Geld verdienen können und durch sie aufsteigen, und diejenigen, die die Verlierer dieser Spaltung – auch digitale Kluft genannt – sind. Dabei handelt es sich tatsächlich um das allergrößte Risiko, und zugleich auch die größte Herausforderung. Man nennt dieses Phänomen „Inequality“, also die Ungleichheit, die in den Gesellschaften besteht und sich weiter verstärken wird. Es wird, wenn nicht aktiv gegengesteuert wird, ein paar Gewinner und viele Verlierer geben. Betroffen davon ist nicht nur ein Land, sondern aufgurnd der Globalisierung praktisch jedes Land der Welt. Die Gefahr besteht dabei darin, dass Spannungen innerhalb der Gesellschaften, aber auch unter ihnen stärker zunehmen werden. Erste Anzeichen sind in vielen Ländern schon deutlich sichtbar.

Eine Chance, die sich daraus ergibt, ist ein progressiver Umgang mit den Problemen unter Einsatz von künstlicher Intelligenz. Ich denke da an die großen Themen, die wir als Menschheit bislang kollektiv nicht lösen konnten, etwa den Klimawandel, Ernährungsfragen, den Umgang mit Ressourcen oder die Heilung von Krankheiten. Dank der technologischen Entwicklungen, der Robotik und der künstlichen Intelligenz haben wir die Werkzeuge, die uns helfen, komplexe Systeme zu verstehen, um großartige Dinge zu tun, in der Hand. Wir müssen jetzt nur darauf achten, uns nicht in Lobbying- oder postfaktische Diskussionen zu verstricken, in denen es gar nicht mehr darum geht, eine Logik anzuwenden, sondern nur Angst zu schüren. Es geht auch darum, diese Werkzeuge sinnvoll für die Entwicklung unserer Welt einzusetzen und eine Lebensgrundlage für unsere Kinder und deren Kinder zu schaffen. Wir hatten noch nie so viele Werkzeuge in unserem Werkzeugkasten.

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