Sisyphos checkt seine Mails

Angesichts der bevorstehenden Urlaubszeit stellt sich für viele angehende und bereits etablierte CFOs die Gretchenfragen: Online oder offline? Zwar soll es noch Zeitgenossen geben, die ihre Wichtigkeit am ständigen Einmischen in operative Details und am täglichen Morgenappell bei den Kollegen im Büro bemessen: „Bin gerade auf dem Boot, die Verbindung ist so schlecht, ich rufe Sie dann vom Festland aus zurück.“ Doch das ist alter Stil. Der wahre Luxus ist die Nichterreichbarkeit. Handy aus, Flugmodus an, Mail-Account 14 Tage nicht abrufen, Nachrichten-Fasten sowieso. Und schon nach ein paar Tagen wird klar: Die Firma steht weiterhin fest und sicher auf ihren Grundfesten, das Eigenheim ist nicht abgebrannt und die österreichische Innenpolitik zeigt sich aus der Ferne als das, was sie immer war – ein Geplätscher vieler kleiner Fische in einem Gartenteich, deren unbeholfenes Flossenschlagen nur deshalb so viel Lärm verursacht, weil so wenig Platz für jeden da ist.

Neben der körperlichen Erholung mit mehr Schlaf, Sport und gutem Essen kommt in diesen Monaten vor allem auch der Geist zur Ruhe. Denken per se ist ja eine schöne Sache, doch die in Zeiten von Web 4.0 täglich auf uns einprasselnde Informationsflut lässt viele Menschen ratlos und überfordert zurück. Die Smartphones haben uns zum modernen Sisyphos gemacht: Für jede beantwortete Mail bekommen wir zwei neue dazu. Wie Zombies wischen und tippen wir auf den Bildschirmchen herum und grinsen dabei gelegentlich, scheinbar unmotiviert. Donald Trump verschickt läppische Tweets, Armin Wolf postet unverdrossen, Christian Kern und Sebastian Kurz produzieren Facebook-Videos am laufenden Band – dabei will jeder doch nur das eine: unsere Aufmerksamkeit. Und die ist tatsächlich zu einem knappen Gut geworden. Der deutsche Kommunikationsberater Jon Christoph Berndt kennt die Auswüchse allgegenwärtiger informativer Überforderung und verspricht im Untertitel zu seinem neuen Buch „Aufmerksamkeit“ erhellende Antworten auf die entscheidenden Fragen „Warum wir sie so oft vermissen und wie wir kriegen was wir wollen“.

Zu Beginn des Buchs steht ein Meta-Trick: Der Autor holt sich die Aufmerksamkeit seines Lesepublikums für das Thema Aufmerksamkeit unter der bezeichnenden Kapitelüberschrift „Zugetextet“ mit einer amüsanten Charakterisierung der alltäglichen Absurditäten in Sachen kommunikatives Multitasking. Immer nur Senden, Senden, Senden sowie das chronische Nicht-Zuhören sind demnach nur die andere Seite derselben Medaille wie das Angeben, Meckern, Lästern und Provozieren auf Facebook, Twitter Co. Im Zentrum steht dabei immer das Ego mit seinem narzisstischen Wunsch nach Anerkennung und Bewunderung. Zu den klassischen Instrumenten der symbolischen Selbstergänzung wie Mode und Reden über gutes Essen gesellt sich, den Errungenschaften der neuen digitalen Spielzeuge sei Dank, nun auch die Möglichkeit der multimedialen Profilierung – und das rund um die Uhr und um den ganzen Erdball. Doch der Grat zwischen gelungener Selbstdar­stellung und peinlicher Entblößung ist sehr schmal, selbst kleine Fehltritte können schwerwiegende Folgen haben. Folgerichtig präsentiert der Autor in den anschließenden Abschnitten zahlreiche Denkanstöße und Tipps für den klugen beruflichen und privaten Umgang mit dem Phänomen Aufmerksamkeit.

Und tatsächlich scheinen die ersten Antworten auf das von den sozialen Medien befeuerte Dauer-Sendungsbewusstsein direkt dem Repertoire der guten alten analogen Zeit zu entstammen: Zuhören statt Senden, Schluss mit dem Multitasking, Zurückhaltung bei der Kommunikation über banale Alltäglichkeiten, ganz nach dem Motto: „Mach dich rar, dann bist ein Star.“ Was für das Individuum eine Tugend ist, wird für eine Firma zur Pflicht: Aufmerksamkeit muss gezielt geschenkt werden, auch in sozialen Medien. Statt besinnungslosem Liken geht es um genaues Zuhören und das Verstehen auch dessen, was der Kommunikationsp­artner uns zwischen den Zeilen mitteilt. Erfolgreiche Internetfirmen, allen voran Amazon und Google, führen vor, worum es geht: Kluges Datensammeln zum besseren Verständnis der Kunden generiert allemal mehr Umsätze als bloßes Zumüllen mit Informations- und Werbetrash.

Was für ein Unternehmen recht ist, kann für das Individuum nur billig sein. Auch der Einzelne, der seine Persönlichkeit auf den verschiedenen öffentlichen und privaten Schauplätzen zu Markte trägt und sich dafür ein anständiges Gehalt, erfolgreiche Geschäftsabschlüsse, Anerkennung, Wählerstimmen bis hin zu Zuneigung und Liebe erwartet, ist gut beraten, sorgsam mit dem Phänomen Aufmerksamkeit umzugehen. Voraussetzung dafür sind ein solides Maß an menschlicher Reife und ehrliche Selbsterkenntnis, allesamt also Errungenschaften aus grauen vordigitalen Zeiten. Wer gut zuhören will, muss authentisch und empathisch sein, echtes Interesse zeigen und in seiner Wortwahl präzise und ausgewogen, dabei aber keinesfalls besserwisserisch oder gar geschwätzig bei seinem Gegenüber ankommen. Solchen Geistes Kinder übernehmen denn auch Verantwortung für ihr eigenes Schicksal, anstatt sich – wie im postfaktischen öffentlichen Diskurs leider fast zur Normalität geworden – in einer x-beliebigen Opferrolle zu suhlen. Bei Bedarf zeigen sie klare Kante, können also auch dezidiert Nein sagen und ihre Kommunikation – wenn nötig – sogar mit Bedacht gesetzten Provokationen nach vorne bringen.

Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass ein gutes Quäntchen des vom Autor ausgeschenkten Weines tatsächlich aus alten Schläuchen stammt. Die Emanzipierung von der selbstgewählten digitalen Zeitverschwendung und der Verzicht auf exzessives Handysurfen und Mailchecken werfen den Suchenden also direkt zurück zu den Wurzeln von Persönlichkeits­bildung und Selbstfindung. Da spielt es dann keine Rolle mehr, dass das letzte Kapitel des Buchs etwas neudeutsch-gestelzt unter „Die Human Brand entwickeln“ daherkommt: Blendet man das postmoderne digitale Rauschen aus, geht es beim komplexen Thema Aufmerksamkeit im Kern letzten Endes immer noch um zutiefst philosophische und psychologische Grundfragen. Jon Christoph Berndt schlägt in seinem amüsant und praxisnah geschriebenen Buch gekonnt die Brücke zu den kommunikativen Phänomenen (und Absurditäten) von Web 4.0 und stellt diese in den größeren Kontext der lang­fristig gültigen und technologieunabhängigen Grundregeln zwischenmenschlicher Interaktion.

 

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