Digitale Transformation finanzieren

Praktische Wege zu Industrie 4.0 und wie der Zugang zu Finanzierung helfen kann.


Für die meisten Hersteller wird es immer wichtiger, Abläufe zu digitalisieren und zu automatisieren. In einer idealen, digitalisierten und automatisierten Industrie-4.0-Welt sind Menschen, Maschinen und Systeme digital miteinander verbunden. Sie ist eine Welt, in der sich Technologie automatisch für mehr Effizienz, Qualitäts- oder Kundenorientierung anpasst oder neu kalibriert. Sie schafft Möglichkeiten für vorbeugende Wartung, um Laufzeiten zu verbessern. Sie ist eine Umgebung, in der leistungsstarke digitale Daten nahtlos innerhalb und zwischen Organisationen fließen. Sie schafft auch eine Kultur, in der kollaborative Gruppen in der gesamten Lieferkette zusammenarbeiten, um bessere und produktivere industrielle Ökosysteme zu errichten. Für die Erreichung dieses Ziels ist eine sorgfältige Planung erforderlich. Auch wenn das Tempo der Produkt- und Marktentwicklung in der digitalisierten Fertigung atemberaubend geworden ist:1 Erfahrene Manager wissen, dass sie eine gefährliche Disruption des Geschäfts riskieren, wenn sie sich zu weit und zu schnell bewegen, ohne zuvor Qualitätskontrollen und Return-on-Investment-Maßnahmen eingerichtet zu haben.

Praktische Wege zu Industrie 4.0

Ein erfolgreicher Übergang zu Industrie 4.0 erfolgt eher schrittweise, nicht als umfassende und plötzliche Veränderung. In einer kürzlich veröffentlichten Studie der Siemens Financial Services2 werden die größten Herausforderungen für die digitale Transformation identifiziert. In Interviews mit über 60 Herstellern und erfahrenen Unternehmensberatern in elf Ländern rund um die Welt stellte sich heraus, dass für Hersteller digitale Kompetenzen (insb in Bezug auf digitales Produktionswissen, digitale Wartungskompetenzen sowie operative und strategische Analysen) und der Zugang zu Finanzierung für die digitale Transformation die größten Herausforderungen darstellen.

Alle Interviewteilnehmer gaben an, dass Hersteller ohne Zugang zu einer angemessenen und nachhaltigen Drittfinanzierung die erforderliche Technologie für eine digitale Transformation nicht erwerben können. In der Folge werden die sechs meistgenannten Herausforderungen so beschrieben, wie sie von den Befragten ihrer Bedeutung nach eingeordnet wurden (siehe Abb 1).

Erstellung eines nachhaltigen Plans

Die befragten produzierenden Unternehmen und Unternehmensberater waren sich darin einig, dass der Aufbau eines nachhaltigen Plans für Industrie 4.0 nicht auf eine einzige, vereinfachte Formel reduziert werden kann. Die Umstände jedes Unternehmens, die digitale Reife, die Marktdynamik, Managementkompetenzen, der Talentpool und die Finanzkraft sind unterschiedlich. Die Befragten waren sich auch darin einig, dass ein kohärenter Ansatz – eine Methodik, die einige Aspekte des Geschäfts eines Herstellers abfragt – der Schlüssel zum Aufbau eines nachhaltigen Plans für Digitalisierung und Automatisierung ist.

Finanzierung als erster Schritt

Die Interviewteilnehmer gaben an, dass das Thema Finanzierung in den ersten Phasen der Erarbeitung der Strategie und des Plans betrachtet werden sollte. Finanzierungsanforderungen wurden als das zweitwichtigste Thema genannt. Während viele Hersteller eine klare Vorstellung davon haben mögen, welche Technologie zur Erzielung von Industrie 4.0 benötigt wird, stellt sich die Frage, wie dies in einer finanziell nachhaltigen Weise, mit der sie effektiv in einer Industrie-4.0-Welt konkurrieren können, realisierbar ist.

Für den Zeitraum der Investition in digitale und automatisierte Technologieplattformen ist es notwendig, Finanzierungsmittel zur Verfügung zu haben. Selbst wenn sich eine Nachrüstung finanziell rentiert oder der Übergang in einzelne Schritte aufgeteilt werden kann, sind Tempo und Größe der Investition dennoch oft beträchtlich.

Eine innovativ strukturierte Finanzierung (zB die Integration flexibler Zahlungen entsprechend dem prognostizierten Return on Investment [ROI], der durch die Technologie erwartet wird) eröffnet mehr Möglichkeiten und hilft dabei, die Lösung finanziell nachhaltig zu machen.

Aufbau einer Kooperationskultur

Der Aufbau einer Kooperationskultur wird als wesentliche Herausforderung im verarbeitenden Gewerbe gesehen, in dem es historisch eine klare Abgrenzung der Rollen und Verantwortlichkeiten gab. Jetzt schafft Industrie 4.0 eine vernetzte Umgebung, in der mehrere Perspektiven – Technik, Produktion, Logistik, Finanzen, Vertrieb, Produktentwicklung etc – kombiniert und parallel gesehen werden können, um potenzielle Verbesserungen oder Geschäftschancen zu identifizieren. In der Lage zu sein, kollaborativ mit anderen Funktionen und Drittanbietern zu arbeiten, wird nun bei einigen Organisationen, die aktiv in spezifisches Training investieren, als eigene wichtige Kompetenz angesehen.

Daten und Internetsicherheit

Das Internet der Dinge (IoT) ist ein wichtiges Instrument, um Menschen, Maschinen und Systeme in der Industrie zu verbinden. Das Bewegen großer Mengen sensibler Daten über das Internet erhöht jedoch die Notwendigkeit für Daten- und Internetsicherheit. Die Befragten erklärten einstimmig, dass das Thema Informationssicherheit ein großes Problem für alle modernen Unternehmen, die Cloud-Anwendungen ausführen, darstellt und ein zentrales Anliegen – sowohl in Bezug auf operative Disruption durch Hacker als auch auf die Exposition wirtschaftlich sensibler Informationen – ist. Mehr als die Hälfte der Interviewteilnehmer war der Meinung, dass die Bedenken zur Informationssicherheit in Zukunft zu einem Markt für den sicheren Austausch von Daten für spezielle Dienst­leistungen führen werden. Mehrere Befragte nannten dazu Branchen mit sicherem Datenaustausch wie zB die Kreditauskunft. Hier können Teilnehmer Daten in einem anonymisierten Umfeld beisteuern, um gemeinsame Erkenntnisse zu gewinnen, ohne dabei Angst vor Datenverlust, Offenlegung oder Identifizierung haben zu müssen.

Abb 1: Die wesentlichen Hindernisse für Industrie 4.0.

Abb 1: Die wesentlichen Hindernisse für Industrie 4.0.

Mangelnder Zugang zu realen Beispielen

Die teilnehmenden Hersteller scheinen sich darüber im Klaren zu sein, welche Technologielösungen sie erwerben müssen. Dennoch erklärten die meisten von ihnen, dass ein mangelnder Zugang zu realen Beispielen für eine erfolgreiche digitale Transformation aus allen Fertigungssektoren Entscheidungen über Investitionen in ihrem Sektor behindert. Diese illustrieren die Höhe und Dauer des ROI.

In einigen Bereichen der Fertigungsindustrie haben bestimmte Lieferanten detaillierte Fallstudien zusammengetragen und veröffentlicht. Die Abdeckung des gesamten verarbeitenden Gewerbes ist allerdings nicht überall sichtbar. Es können einige Expertengruppen gefunden werden, für die Fallstudien und Initiativen der Industrie (Machbarkeitsstudien) existieren und öffentlich zugänglich sind. Diese könnten den ROI eines Unternehmens beschreiben oder Finanzierungsoptionen umreißen, die es den Herstellern erleichtern würden, über einen bestimmten Zeitraum in digitalisierte Technologie zu investieren.

Die Studienteilnehmer stimmten darin überein, dass eine weit größere Anzahl solcher Beispiele benötigt werden würde, damit Unternehmen mit Zuversicht investieren und die voraussichtlichen kommerziellen und Wettbewerbsvorteile zuverlässig kalkulieren können. In dieser Hinsicht forderten mehrere Teilnehmer die Technologieanbieter und Spezialfinanzierer dazu auf, eine umfassendere globale Bibliothek an Fallbeispielen aufzubauen, um Investitions­entscheidungen über alle Sektoren des verarbeitenden Gewerbes zu erhöhen und zu beschleunigen.

Spezialisierte strategische Management- und Planungskompetenzen

Eine weitere Herausforderung ist die Frage der spezialisierten Kompetenzen für das strategische Management und die Planung. Sie sind für die Erarbeitung einer Vision und Strategie notwendig. Letztlich gehen sie in einen Aktionsplan über, der auf operativer Ebene in die Praxis umgesetzt werden kann. Während die Befragten angaben, dass sich fast jeder Vorstand eines Herstellers der dringenden Notwendigkeit zur Digitalisierung und Automatisierung bewusst ist, haben zu wenige diese Anerkennung in einen klaren, schrittweisen strategischen Plan umgewandelt.

Laut Angaben der Europäischen Union stehen auch Behörden vor der gleichen Herausforderung mit einer ebenso schwachen Planung auf nationaler Ebene. Eine solche Planung umfasst Methoden zur Bewertung der aus jeder Phase der Investition gewonnenen kommerziellen Vorteile, organisiert in einem Prozess, bei dem jede Phase gemessen und deren Auswirkung auf die folgenden Programmphasen bewertet wird und geeignete Anpassungen vorgenommen werden. Wegweisende Hersteller, die ein agiles, stufenweises Programm für Industrie 4.0 erarbeitet haben, haben dies oft durch die Schaffung einer kollaborativen Gruppe von Partner­unternehmen, Unternehmensberatern und spezialisierten Finanzierern realisiert. Zusammen bringen sie eine klare Sicht dessen, was praktisch und möglich ist – Ambition kombiniert mit Risikomanagement.

Fertigungs­unternehmen sollten als ersten strategischen Schritt versuchen, die potenziellen Schnittpunkte zur Finanzierung für die digitale Transformation zu verstehen. Die Neupositionierung der Finanzierung, ermöglicht es, verfügbare Investitionsoptionen in Technologie als Teil der Erarbeitung der Strategie für den Übergang zu Industrie 4.0 frühzeitig darzustellen.

Der wichtigste Punkt bei der Prüfung von Finanzierungsmöglichkeiten in Kombination mit der Erarbeitung der Strategie ist, dass sich Optionen ergeben können, die der Hersteller andernfalls nicht in Betracht gezogen oder möglicherweise für unerschwinglich gehalten hätte. Hier sind gegebenenfalls auch operationelle Risiken gemeint. Während zB neue Anlagen oder eine neue Technologieplattform eingerichtet, getestet und in Betrieb genommen werden, müssen die meisten Unternehmen mit ihren alten Systemen weiterarbeiten, um eine ununterbrochene Produktion zu garantieren. Dies kann jedoch zu einer finanziellen Belastung führen, weil die Organisation für die Übergangszeit sowohl für die alten als auch für die neuen Systeme zahlen muss.

Spezialisierte Finanzierer, denen diese Hindernisse bewusst sind, entwickelten eine Gruppe von Finanzierungsinstrumenten: Finance 4.0. Diese Instrumente ermöglichen der neuen Generation den Übergang zu digitaler Technologie in einer Weise, die erschwinglich, nachhaltig und darauf ausgelegt ist, den Druck auf Cashflow und Working Capital von Herstellern zu verringern.

Diese spezialisierten Finance-4.0-Instrumente umfassen:

  • Nutzungsorientierte Zahlungen für Ausrüstung und Technologie: Finanzierungsmodelle wie Finanzierungsleasing, Operating Lease oder Mietkauf können in Laufzeit und Vertragsbedingungen an den erwarteten Nutzen aus dem Einsatz der Technologie angepasst werden. Häufig deckt diese Art der Finanzierung auch die jeweiligen Betriebs­kosten, zB für die Wartung, über „gebündelte“ monatliche Zahlungen ab.
  • Ergebnisbasierte Finanzierung: Diese Vereinbarungen sehen vor, dass die Zahlungen auf die erwarteten geschäftlichen Vorteile, die Ergebnisse, abgestimmt sind, die durch die Automatisierungs- oder Digitalisierungstechnologie ermöglicht werden. Ein gutes Beispiel sind energieeffiziente Anlagen, die weniger Energie verbrauchen und dadurch Kosten einsparen.
  • Technologieaufrüstung bzw -aktualisierung: Die Equipment- und Technologiefinanzierung bietet die Option, eine Modernisierung während der laufenden Finanzierungsperiode zu erlauben und so gegen eine technische Überalterung zu schützen. Upgrades können sowohl den Austausch gegen ein neueres Modell als auch eine Nachrüstung von Erweiterungen auf der Haupttechnologieplattform beinhalten.
  • Finanzierung des Zeitraums zur Maschinenum­stellung: Unter diesen Vereinbarungen wird die Bezahlung eines neuen Systems ausgesetzt, bis dieses eingerichtet ist und zuverlässig funktioniert. So lässt sich die finanzielle Herausforderung vermeiden, die dadurch entsteht, dass für das neue System bezahlt werden muss, während das alte noch in Betrieb ist.
  • Softwarefinanzierung: Das Wissen im Bereich Software-Implementierung und die Kenntnis der Geschäftsergebnisse, die die Software wahrscheinlich produzieren wird, ermöglicht es spezialisierten Finanzierern, die damit verbundenen Risiken zu verstehen und das Software-Element in ein Gesamtfinanzierungspaket einzubeziehen.
  • Working-Capital-Lösungen: Die Digitalisierung kann die Wettbewerbsfähigkeit so steigern, dass sich dies auf eine unerw­artete und/oder deutliche Belebung des Auftragseingangs im Fertigungs­unternehmen niederschlägt. Das ist zwar positiv, bringt aber auch eigene Herausforderungen mit sich, zB die Notwendigkeit, dass ein Hersteller plötzlich größere Mengen Rohstoffe oder Bauteile einkaufen muss. Finanz­dienstleistungen – gewöhnlich auf Basis einer entsprechenden Forderungsfinanzierungslösung – stehen zur Verfügung, um die Liquiditätsanforderungen im Zusammenhang mit einer erfolgreichen Digitalisierung zu bewältigen.

Finanzierungs­vereinbarungen für Industrie 4.0 werden in der Regel von spezialisierten Dienstleistern angeboten, die nicht nur ein tiefgehendes Verständnis der Funktionsweise der digitalisierten Technologie haben, sondern auch wissen, wie diese Technologie in der Praxis implementiert werden kann, um einen nachhaltigen Plan zu ermöglichen. In einigen Fällen ist die Finanzierungs­vereinbarung eine eingebettete Komponente des Wertversprechens, die direkt zu Beginn des Verkaufszyklus angeboten wird. In anderen Fällen verweist der Technologieanbieter seine Kunden für die Finanzierung eines Verkaufs an einen oder mehrere Finanzierungsanbieter.

Auf den Punkt gebracht

Hersteller müssen das beste Finanzierungspaket identifizieren, um ihren Betrieb effektiv zu digitalisieren – von der Technologie und Software bis hin zur Produktionslinie und dem gesamten Unternehmen. Um die effektivste Lösung zu finden, sollten Hersteller nach Unternehmen suchen, die ein integriertes Technologie- und Finanzierungsangebot bereitstellen können und dieses individuell mit ihren Kunden erarbeiten. Diese Finanzierungsinstitute konzentrieren sich auf die Fertigungstechnologie und das Enablement der Digitalisierung, deren Anwendungsweise und potenziellen kommerziellen Nutzen.

Die komplette Studie der Siemens Financial Services finden Sie unter https://www.siemens.com/global/de/home/produkte/finanzierung/finance-week/digitale-transformation-finanzieren.html

1 Lorenz et al, Time to Accelerate in the Race Toward Industry 4.0, 19. 5 2016, https://www.bcg.com/de-at/publications/2016/lean-manufacturing-operations-time-accelerate-race-toward-industry-4.aspx (Zugriff am 11. 7. 2018).

2 Siemens Financial Services, Praktische Wege zu Industrie 4.0 (2018).

Der Artikel ist in CFO aktuell (Heft 4/2018) erschienen. Mehr Infos unter: www.cfoaktuell.at

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