CFO-Interview: „Manchmal ist analog besser“

Gewissheit zählt zu den ersten Opfern der Seuche. Mit Auftreten der Pandemie schrumpften Erfahrungen zu Erinnerungen und Fakten mutierten zu Fakes. Spielräume, die man sich einst erarbeitet hat, verflüchtigen sich seither wie Nebel in der Sonne. „Plötzlich stand alles in Frage“, erinnert sich Franz Hiesinger an die ersten Tage des März, als Nachrichten aus der chinesischen Ferne in Europa und Österreich zur Wirklichkeit wurden. Mit dem Lockdown-Beschluss der Regierung am 13. 3. 2020 war Corona endgültig in den letzten Ritzen des österreichischen Bewusstseins angekommen. Viele Entscheidungen mussten auf Verdacht getroffen werden. Denn Gewissheit gab es keine mehr.


Franz Hiesinger, CFO, Mayr-Melnhof KartonGewisse Resilienz

Der neue Virus sorgte bei Franz Hiesinger für heftige Unruhe. Die Existenzängste anderer Branchen erfuhr er aber nicht: „Mayr-Melnhof produziert für den täglichen Bedarf. Nach wenigen Telefonaten war klar, dass unsere Kunden mit Problemen rechnen, aber keine Katastrophen fürchten“ . Erste Sorgen galten der Aufrechterhaltung der Lieferketten. „Es war völlig unklar, ob wir unsere Rohstoffe weiter beziehen, ob unsere Mitarbeiter ins Werk dürfen, ob sie kommen oder ob wir unsere Produkte auch ausliefern können“ , erinnert sich Franz Hiesinger. In einer Fragebeantwortung bei der Hauptversammlung beruhigte damals der gesamte MM-Vorstand: „Im Großen und Ganzen konnte die Lieferkette aufrechterhalten werden. Es gab lediglich überschaubare temporäre Unterbrechungen.“

Der letzte verfügbare Konzernbericht zum III. Quartal 2020 vertraut auf eine stabile Nachfrage – wenn auch sehr komplex formuliert: „Infolge des Schwerpunktes unserer Geschäftstätigkeit auf systemrelevante Verpackungsprodukte für Güter des täglichen Bedarfes sollte weiterhin eine gewisse Resilienz gegeben sein.“ Nach der ersten Schockstarre stand im Frühsommer 2020 fest: MM-Produkte werden auch in der Pandemie gebraucht.

Entfaltet

Die Mayr-Melnhof-Gruppe hat in den vergangenen Jahren ihre Schlagzahl deutlich erhöht. Anfang 2019 haben die Verpackungsspezialisten das Trauner Unternehmen Tannpapier übernommen. Die Oberösterreicher mit einem Jahresumsatz von 230 Mio € sind Weltmarktführer bei der Herstellung des Spezialprodukts „Tipping Paper“, wie hauchdünnes Zigarettenfilterpapier in der Branche heißt. MM-Karton hatte bis dahin Zigarettenschachteln, aber keine Filterpapiere produziert. Jüngster Coup der Gruppe ist aber der Kauf der finnischen Kotkamills Group Oyj („Kotkamills“). Dafür werden rund 425 Millionen € den Eigentümer wechseln, was dem 7,8-fachen EBITDA entspricht.

Hinter dem Preis steht eine Geschichte: Mit dem Einstieg in Südfinnland (ca 500 MitarbeiterInnen) bauen die Österreicher auf eine gestärkte Position im profitablen Markt für Frischfaserk­arton (FBB) und Food Service Board (FSB) – jenen Bereichen, in denen Recycling-Kartons – das angestammte MM-Segment – immer weniger Verwendung finden. „Kotkamills verfügt über modernste Produktionsanlagen und über ein großes Wachstumspotenzial“, komprimiert Franz Hiesinger die Übernahmestory. In Zahlen: In Kotka wurde erst 2016 eine neue, 180 Mio € teure Kartonmaschine in Betrieb genommen, deren Kapazitäten mit Hilfe der Vertriebspower und dem technischen Know-howvon Mayr-Melnhof um bis zu 50 Prozent gesteigert werden können. Und dort liege „das Potenzial“.

„Fortune“

Er sei kein „geborener Zahlenmensch“, so die Eigensicht Franz Hiesingers. Seine Finanz-Karriere sei im Laufe des Studiums und durch den Berufseinstieg „mehr passiert als geplant gewesen“. Nach dreißig Jahren im Controlling, davon zwanzig auf Vorstandsebene, zeigt er sich aber überzeugt, „dass es heute keine wichtige Management­entscheidung ohne belastbare Zahlenbasis gibt“.

Das Bauchgefühl von einsamen Konzernlenkern habe längst ausgedient. Dies bedeute aber nicht, dass Zahlen allein für große Investitions­entscheidungen ausreichend wären. „Ich kann alle Szenarien berechnen. Die Kunst ist, das richtige Szenario zu wählen.“Es bleibt die Erkenntnis: Gutes Management reduziert Risiken. Erfolgreiches Management kommt nicht ohne aus.

Franz Hiesinger, CFO, Mayr-Melnhof Karton

Er hat seine gesamte Karriere in der Papier- und Kartonbranche verbracht. Der 1965 in Wien geborene und in Niederösterreich aufgewachsene Betriebswirt studierte in den 80ern an der Wirtschaftsuniversität der Bundeshauptstadt und wechselte dabei für ein Semester an die Stockholm School of Economics in Schweden. Der Berufsst­art 1990 definierte seinen gesamten Karriereverlauf.

Der Einstieg als Controller und Projekt-Manager in der Frantschach-Gruppe hievte Franz Hiesinger für immer in das Fach der Zahlen und der Zellulose. Es folgten alle vier Jahre regelmäßige Avancements, bis Hiesinger 2000 erstmals als CFO in Vorstandsverantwortung von Frantschach berufen wurde. Er blieb in dieser Position auch nach der Übernahme durch die damals südafrikanische Mondi-Gruppe. Die Zuständigkeit erstreckte sich auf die Mondi-Packaging-Gruppe, die praktisch ident war mit Frantschach. Mit Bewältigung der Finanzkrise kletterte Hiesinger 2008 eine Sprosse höher: Als Chief Financial Officer von Mondi Europe & International erweiterte sich sein Verantwortungsbereich auf den gesamten globalen Konzern. Nach 27 Jahren wollte Hiesinger schließlich noch einmal Neues sehen: Er folgte 2017 dem Ruf der Mayr-Melnhof Karton AG mit Sitz in Wien und bekleidet dort seither die Position des Finanzvorstandes.

ö

e-Shopping für Manager

Corona hat sehr vieles sehr schwierig gemacht. Auch Akquisitionen. Der Einstieg bei Kotkamills – Hiesinger rechnet mit dem Closing Mitte 2021 – musste unter denkbar schwierigen Voraussetzungen organisiert werden. „Wir wären lieber öfter in Finnland gewesen als wir dies tatsächlich konnten“, erinnert sich der MM-CFO an flaue Zeiten des Lockdowns.

Hiesinger war eng in die strategische Vorbereitung und operative Umsetzung der Akquisition eingebunden. Zwar sei eine Due-Diligence-Prüfung auch ohne COVID-19 „schon immer ein analytischer und zunehmend digital geprägter Prozess“ gewesen. Die Umstände des Jahres 2020 hätten es aber sehr viel schwieriger gemacht, „die Ergebnisse in den richtigen Kontext zu setzen“. Hiesinger drückt es auch direkter aus: „Es ist bei den vielen Videokonferenzen und Präsentationen knifflig, das richtige Gefühl für Menschen und Umstände zu entwickeln“. Ein Tele-Call könne kein persönliches Gespräch ersetzen. Für Hiesinger sind es die Beschränkungen für das menschliche Miteinander, die die Grenzen der Belastbarkeit beschreiben. „Wir können uns eine gewisse Zeit mit Zoom und Skype durch die Lockdowns bringen – geschäftlich und gesellschaftlich. Aber irgendwann wird das Defizit an persönlichen Eindrücken nicht mehr erträglich sein.“

Glatte Finanzierungssituation

Selten wurde in Krisenzeiten so wenig über die Befindlichkeit von Banken spekuliert wie heute. Für Franz Hiesinger ist die relative Abgeklärtheit der heimischen Geldinstitute „wohl auch ein Ergebnis der Finanzkrise 2008.“ Die Banken seien heute wesentlich robuster aufgestellt als damals. Und er nennt eine weitere Erklärung: „Bis jetzt ist die Zahl der Insolvenzen und der notleidenden Kredite bemerkens­wert niedrig.“

Als Finanzvorstand von Mayr-Melnhof kennt Hiesinger seine privilegierte Position: „Wir sind sicher kein Sorgenkind der Banken.“ Entsprechend entspannt wurde der Kaufpreis für die finnische Kotkamills über Kreditlinien dargestellt. Mit einer Eigen­kapitalquote von 63 Prozent und einer tendenziell sinkenden Nettoverschuldung war Franz Hiesinger unter den internationalen Finanzierern ein überaus gut gelittener Gesprächsp­artner. Er spürte kaum Veränderungen in den Bankengesprächen – „weder atmosphärisch noch bei den Konditionen“. Zinsentwicklungen werden über Jahre hin gedeckelt. Franz Hiesinger erwartet in absehbarer Zeit wenig Bewegung bei den Finanzierungs­kosten: Weder die Konjunkturdaten noch die europäische Geldpolitik ließen „einen großen Schwenk erwarten. Da tut sich wenig.“

Verfangen

Wenn die Zinsenlandschaft seit Jahren in Agonie liegt, dann schlagen die Kapitalmärkte Purzelbäume. Als Finanzvorstand ist Franz Hiesinger so etwas wie der Coach der Mayr-Melnhof-Aktie. Aktuell kommt der „safe-heaven“-Aspekt voll zum Tragen. Mit Jahreswechsel 2021 erreichte das Dividendenpapier mit 171 Punkten ihr bisheriges All Time High und brachte den Aktionären einen Wertzuwachs von 38 Prozent. Ein Aktienanalyst nennt den Höhenflug den „Preis der Resilienz“:

Ein Finanzvorstand einer börsennotierten Gruppe steht im Rampenlicht der Börsenakteure. „Ein CFO muss seinen Anlegern erklären können, warum sie investieren sollen“, so Hiesinger. Ohne gute Unternehmensstory gibt es keine Aufmerksamkeit – und kein Zutrauen. „Ich habe es immer mit ausgewiesenen Experten zu tun. Wenn die Berichte und Prognosen nicht überzeugen, kann man den Rest vergessen“ , weiß Franz Hiesinger. Finanzmanager brauchen an der Börse nicht nur Überzeugungskraft, sondern auch Leidensfähigkeit: „Wer nicht überzeugt, wird am nächsten Tag ans Tor genagelt“. Transparenzerfordernisse, Aktien­recht und Börsenregeln schaffen ein dichtes Netz an Vorgaben, in dem man sich nicht verstricken darf.

Analysten schreiben Finanzchefs auf die Habenseite, dass ihr Stellen­wert in börsennotierten Unternehmen deutlich aufge­wertet ist. Hiesinger ziert sich, dies so zu bestätigen. Er meint: „Unternehmenskommunikation für Aktionäre ist nur deutlich vielschichtiger als für eine homogene Eigentümergruppe.“ Allerdings habe „die ständige Öffentlichkeit auch Nachteile“. Unpopuläre Unternehmens­entscheidungen wie die Abschaltung der Kartonmaschine am Standort Hirschwang zeigen, wie es ist, wenn die öffentliche Meinung auf Gegenwind dreht.

Manchmal ist analog besser

Die Chancen stehen gut, dass der Virus bald besiegt ist. Homeoffice, Videocalls, E-Commerce – viele Entwicklungsschübe der vergangenen zwölf Monate werden die Wirtschaftswelt weiterhin prägen. Dies gilt aber nicht für alle Neuerungen – zumindest, wenn man den Worten Franz Hiesingers folgt.

Mayr-Melnhof hatte im Frühjahr als allererste österreichische Firma zu einer digitalen Hauptversammlung eingeladen. Dabei betraten die Veranstalter völliges Neuland: Die Stimm­abgabe erfolgt durch vier unabhängige Stimm­rechtsvertreter, die vor und während der HV von den angemeldeten Aktionären via E-Mail kontaktiert werden konnten. Das Feedback danach war unter den Aktionären schaumgebremst. Zu oft kam es zu technischen Problemen mit Unterbrechungen. Langwierige Wiederholungen bereits vorgebrachter Statements waren die Folge. Franz Hiesingers Eindruck war eindeutig: „Manchmal ist analog besser.“


Der Beitrag erschien zunächst in CFOaktuell (Heft 1/2021). Mehr Infos unter: www.cfoaktuell.at

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.