KI scheitert nicht an der Technik – sondern an der Kompetenz

Zwei Drittel der österreichischen Unternehmen setzen Künstliche Intelligenz bereits ein. Klingt nach Aufbruch. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Die meisten Unternehmen nutzen KI, ohne sie wirklich zu verstehen. Das Problem liegt nicht in der Technologie – sondern in den Köpfen. Und damit ist es eine Führungsaufgabe.

Der aktuelle EY KI Readiness Check 2026, für den mehr als 100 Führungskräfte aus österreichischen Unternehmen ab 100 Mitarbeitenden befragt wurden, macht das Ausmaß sichtbar. Die Ergebnisse sollten vor allem jene aufhorchen lassen, die in Controlling, Finance und Unternehmenssteuerung Verantwortung tragen.


WARUM 69 PROZENT KI-EINSATZ NOCH KEINE ERFOLGSGESCHICHTE SIND

69 Prozent der befragten Unternehmen geben an, KI einzusetzen – zumindest in Form von Pilotprojekten. Das ist die gute Nachricht. Die weniger gute: Nur acht Prozent haben KI tatsächlich über mehrere Bereiche skaliert und erzielen damit messbare Effizienzsteigerungen. 31 Prozent setzen KI in keinem einzigen Bereich ein und planen es auch nicht.

Noch deutlicher wird die Lücke beim wirtschaftlichen Nutzen: Fast jedes zweite Unternehmen mit KI-Einsatz (47 %) kann den wirtschaftlichen Wert seiner KI-Aktivitäten noch nicht bewerten. Nur 20 Prozent sehen einen nachweisbaren Beitrag zum Geschäftserfolg. Das heißt: Die Mehrheit investiert, ohne zu wissen, ob es sich lohnt.

Für Controller:innen ist das ein alarmierendes Signal. Denn wenn KI-Investitionen nicht gemessen werden können, fehlt die Grundlage für jede Steuerung.

DIE KOMPETENZLÜCKE IST GRÖSSER ALS DIE TECHNOLOGIELÜCKE

Fragt man nach den Ursachen, landet man schnell nicht bei Algorithmen oder Infrastruktur – sondern bei Menschen. Die Zahlen sind ernüchternd:

  • Nur 22 Prozent der Unternehmen verfügen über internes KI-Know-how oder beschäftigen KI-Spezialist:innen.
  • Nur 25 Prozent trauen ihren Mitarbeitenden zu, KI-Ergebnisse korrekt zu interpretieren und kritisch zu hinterfragen.
  • Nur 27 Prozent haben gezielte Schulungen oder strukturierte Programme für den Umgang mit KI.
  • Gleichzeitig sind 41 Prozent der Führungsebene überzeugt, dass KI einen Mehrwert schafft.

Die Diskrepanz ist offensichtlich: Man glaubt an das Potenzial, investiert aber kaum in die Fähigkeit, es zu heben. Das ist, als würde man ein Unternehmen auf SAP umstellen, ohne jemanden zu schulen. AI Literacy ist kein Nice-to-have – sie ist die Voraussetzung dafür, dass KI-Investitionen überhaupt wirken können.

WARUM DAS EIN CONTROLLING- UND FINANCE-THEMA IST

KI verändert nicht nur operative Prozesse. Sie verändert, wie Entscheidungen vorbereitet, bewertet und gesteuert werden. Und damit trifft sie den Kern dessen, was Controlling ausmacht.

Wenn nur 24 Prozent der Unternehmen den durch KI erzielten Mehrwert systematisch erfassen – wer definiert dann die KPIs? Wer validiert die Ergebnisse? Wer stellt sicher, dass ein KI-gestützter Forecast nicht auf verzerrten Daten basiert?

Die Antwort ist unbequem: In den meisten Unternehmen macht das derzeit niemand mit der nötigen Kompetenz. Die Studie zeigt, dass nur 23 Prozent der Unternehmen KI-Ergebnisse systematisch überprüfen und validieren. Für eine Funktion, die auf Genauigkeit und Nachvollziehbarkeit gebaut ist, ist das ein strukturelles Risiko.

„Wer KI nur als Sparprogramm versteht, wird einen großen Teil ihres Potenzials ungenutzt lassen. Gerade in der Verbindung aus Automatisierung, besserer Entscheidungsqualität und Innovation steckt der eigentliche strategische Hebel.“

— Susanne Zach, Partnerin und AI & Data Lead bei EY Österreich

Controller:innen müssen sich fragen: Können wir die Outputs von KI-Systemen bewerten? Verstehen wir, welche Annahmen ein Modell trifft? Und können wir gegenüber der Geschäftsführung fundiert Stellung nehmen, wenn eine KI-basierte Empfehlung auf den Tisch kommt?

Wer diese Fragen nicht mit Ja beantworten kann, wird in den kommenden Jahren an Relevanz verlieren.

WAS FÜHRUNGSKRÄFTE JETZT TUN MÜSSEN

Der Readiness Check zeigt auch: Der EU AI Act ist bei der Mehrheit der Unternehmen noch kein Handlungsfeld. Nur 24 Prozent haben konkrete Maßnahmen eingeleitet. Dabei ist die Verordnung nicht nur eine Compliance-Pflicht – sie ist ein Katalysator für genau die Governance-Strukturen, die ohnehin fehlen.

Konkret braucht es jetzt drei Dinge:

Erstens: AI Literacy als Pflichtprogramm. Nicht ein Workshop pro Jahr, sondern ein kontinuierlicher Kompetenzaufbau – für alle Ebenen, nicht nur für die IT. Wer KI-Tools nutzt, muss ihre Logik, ihre Grenzen und ihre Fehlerquellen verstehen.

Zweitens: KI als Organisationsthema, nicht als IT-Projekt. Nur 35 Prozent der Unternehmen haben Rollen und Verantwortlichkeiten für KI klar definiert. Ohne klare Governance bleibt KI ein Flickenteppich aus Einzelinitiativen ohne strategische Wirkung.

Drittens: Messbarkeit von Anfang an. Bevor ein KI-Projekt gestartet wird, muss klar sein, woran sein Erfolg gemessen wird. Das ist keine technische Aufgabe – das ist Controlling-Kernkompetenz.

„Ohne klare Zieldefinition und konsequentes Messen ist KI ein teures Experiment ohne Steuerung. Unternehmen, die den wirtschaftlichen Nutzen nicht erheben, können ihre Investitionen nicht rechtfertigen – und verpassen die Chance, KI gezielt weiterzuentwickeln.“

— Patrick Ratheiser, Head of AI bei EY Österreich

FAZIT

KI-Readiness ist keine Technologiefrage. Sie ist eine Frage der Führungskompetenz. Die Daten des EY KI Readiness Check 2026 zeigen, dass Österreichs Unternehmen beim Einstieg in die KI-Nutzung gute Fortschritte gemacht haben. Aber der Einstieg allein reicht nicht. Wer jetzt nicht in Köpfe investiert – in Kompetenz, in Governance, in die Fähigkeit, KI-Ergebnisse kritisch einzuordnen – wird die Technologie nicht beherrschen. Sondern von ihr getrieben werden.

Für Controller:innen und Finance-Verantwortliche heißt das: AI Literacy ist nicht das Thema der IT-Abteilung. Es ist euer Thema.


ÜBER DIE AUTOR:INNEN

Susanne Zach

Partnerin & AI & Data Lead | EY Österreich

Sie verantwortet den Bereich Data Analytics und AI und begleitet Organisationen bei der Umsetzung datengetriebener und KI-basierter Transformationsinitiativen.

Patrick Ratheiser

Head of AI | EY Österreich

Er unterstützt Unternehmen dabei, Künstliche Intelligenz strategisch zu verankern und operativ wirksam zu machen. Der EY KI Readiness Check wird jährlich als repräsentative Befragung unter österreichischen Führungskräften durchgeführt.


Weiterführende Literatur:

EY KI Readiness Check 2026 – Vollständige Studienergebnisse (Download unter ey.com/at)

AI Literacy: What it is and why it matters (Ng, D.T.K. et al., Computers and Education: Artificial Intelligence, 2021)

 EU AI Act – Verordnung (EU) 2024/1689 des Europäischen Parlaments und des Rates


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